Sofa statt Stadion: Wie sich die Fankultur während Corona verändert

Sportfans in ganz Deutschland können ihren Verein während der Corona-Pandemie nicht vor Ort unterstützen. Manche Ligen spielen vor leeren Rängen, andere haben den Spielbetrieb ganz eingestellt. Besonders für Ultras eine schwere Zeit — ihr größtes Hobby wird auf eine harte Probe gestellt.

Nach neunmonatiger Zwangspause kehrte die Deutsche Eishockey Liga (DEL) kurz vor Weihnachten aus der Coronapause zurück. Seit März hatten die Fans keine Spiele mehr verfolgen können – weder in der Halle noch zu Hause vor dem Fernseher. „Heimspiele, Auswärtsspiele, Fanveranstaltungen, Spieltagsvorbereitungen, Kneipenabende, private Feiern […], all das fiel fast vollständig weg“, sagt die Ultragruppe Eis-Fighter 2007 vom DEL-Team Krefelder Pinguine. Jetzt können die Fans die Spiele ihres Vereins zumindest wieder vor dem Fernseher verfolgen. „Es ist zwar nicht vergleichbar mit dem Gefühl im Stadion zu stehen und aktiv das eigene Team nach vorne zu peitschen. Aber man darf hier nie vergessen, dass sich der KEV (Krefelder Pinguine Anm. d. Red.) die Situation nicht ausgesucht hat, es sich um keine Repressalien handelt und auch wenn das drum herum fehlt, es sich immer noch um den Verein handelt, in den man viel Herzblut und Liebe investiert hat und mitfiebert“, so die Krefelder Ultras.

„Jeder Einzelne merkt, dass da was fehlt“

Eis-Fighter 2007. Foto: Yvonne Brands

Innerhalb der Gruppe spielten auch soziale Kontakte eine wichtige Rolle, so die Ultras weiter. Der persönliche Kontakt könne nur teilweise durch soziale Medien aufrecht erhalten werden. So seien Freundschaften schwer zu pflegen. Bei einzelnen Gruppenmitgliedern würden sich dadurch die Prioritäten verschieben: „Viele nutzen die freie Zeit sinnvoll, um dem nachzukommen, was während der Saison ein wenig auf der Strecke bleibt. Sei es das Studium, der Job oder die Familie.“ Sehnsucht nach der Eishalle haben die Ultras dennoch: „Es sind die unbeschreiblichen Gefühle, wenn das Intro beginnt, die nach Bier stinkenden Fahnen, die einem die Sicht versperren, die ersten Sprechchöre und beim gemeinsamen Hüpfen und Ausrasten die Schuhe beinahe auf dem vollgesifften Boden kleben bleiben. Jeder Einzelne merkt, dass da was fehlt.“

Auch im Umfeld des Ligakonkurrenten Iserlohn Roosters ist die Stimmung ähnlich. Die Hallenbesuche würden einfach fehlen, sagt Lukas Czupalla vom Fanclub “Stumpfe Kufe”. Dennoch unterstützt auch er die Geisterspiele: „Wenn es nicht anders geht, dann geht es nicht anders.“ Die Liga solle einfach wieder starten. Durch die Pandemie selbst habe sich in seinem Fanclub selbst aber nicht viel verändert. Das liege auch daran, dass der Fanclub eher ein kleiner Zusammenschluss von Freunden und Bekannten ist.

Wir haben hier unsere kleine Halle, wo es noch so eine Blechpissrinne gibt, wo der Putz von den Wänden bröckelt. Da haben wir alle Bock drauf.

Über das Schattendasein des Eishockeys ist Czupalla auch weiterhin froh. „Natürlich ist finanziell etwas weggebrochen, aber ich möchte, dass es im Eishockey klein und kuschelig bleibt“, sagt der Eishockeyfan. Er sagt aber auch: „Als die Fußball-Bundesliga weiterging, als alles andere noch runtergefahren war und kämpfen musste, war das für mich komplett weltfremd.“

Fußball-Deutschland in Quarantäne

Die Fußball-Bundesliga hatte schon Ende Mai ihren Betrieb wieder aufgenommen — zunächst mit Geisterspielen. Für viele Profivereine war das eine alternativlose Entscheidung. Fernseh- und Sponsorengelder waren gesichert, auch wenn weiterhin Einnahmen fehlten. „Das Ticketing spielt eine wichtige Rolle. Wobei man insgesamt sagen muss, je kleiner der Verein und je niedriger die Ligazugehörigkeit, desto größer ist die Rolle des Ticketing”, sagt Björn Hegemann, Leiter der Abteilung Fanangelegenheiten bei Borussia Dortmund.

Das sei aber nicht das Wichtigste. „Der Fußball spielt in der Pandemie eine total untergeordnete Rolle“, sagt Jakob Scholz, Vorstandsmitglied der BVB-Fanabteilung. Seiner Meinung nach nehme sich der Fußball zu wichtig. Borussia Dortmund und seine Fanclubs wären „die Allerletzten, die in der derzeitigen Situation fordern, wieder Zuschauer ins Stadion zu lassen.“ Die Meinung vieler Fans sei, dass zunächst andere Bereiche des öffentlichen Lebens wieder hochgefahren werden müssten, so Scholz. Viele Vereinsvertreter sehen das jedoch anders. Sie verstehen ihren Klub als Wirtschaftsunternehmen, an dem zahlreiche Jobs hängen. Jobs, die im Schatten der Profiabteilung stehen. Zuschauereinnahmen helfen dabei, diese Arbeitsstellen zu sichern. 

Unterschied: Abteilung Fanangelegenheiten und BVB-Fanabteilung

Die Abteilung Fanangelegenheiten gehört zum Verein Borussia Dortmund. Leiter Björn Hegemann kümmert sich um fanpolitische Themen und Fan-Veranstaltungen.

Die BVB-Fanabteilung ist hingegen ein eigenständiger Zusammenschluss von Fanvertretern. Sie setzen sich für die Interessen der Fanclubs, Ultras und der gesamten Fanszene gegenüber dem Verein ein. Die Fanabteilung ist dabei die wichtigste Anlaufstelle, um die Kommunikation zwischen Fans und Verein aufrechtzuerhalten.

Während andere Sportarten über den Sommer komplett stillstanden, durften in der Fußball-Bundesliga zum Saisonstart Mitte September sogar wieder einige Fans ins Stadion. Aber nur vorübergehend. Trotz umfassender Hygienekonzepte müssen die Vereine seit Ende Oktober wieder vor komplett leeren Rängen spielen — eine Entscheidung, die Hegemann durchaus kritisch sieht: „Teilzuschauerspiele haben gezeigt, dass das Konzept funktioniert. Es ist aber am Ende nicht die Entscheidung von Borussia Dortmund, ob Zuschauer zugelassen werden oder nicht.“ „Immerhin haben sich alle Zuschauer an den ersten Spieltagen an die Regeln gehalten“, stimmt Scholz zu. Er war in dieser Saison bei allen Heimspielen mit Teilzulassungen live dabei.

Vereine bieten Fans Unterstützung

„Die Stadionatmosphäre beeinflusst den Sport“, so Scholz weiter. Jeder einzelne Fan könne das Spiel beeinflussen. Zu Hause sei das nicht möglich. „Wenn man Geisterspiele vor dem TV verfolgt, hat man einen ganz anderen Blick auf den Sport. Man ist viel unemotionaler.“ Fans, Fanclubs und Ultra-Gruppen würden sich nun einmal über den Spieltag und den Gang ins Stadion definieren. Das Gemeinschaftsgefühl am Spieltag falle durch die Geisterspiele weg und „dadurch suchen sich die Leute andere Hobbys und vergessen den Profifußball.“

Man vergisst im Alltag auch mal, dass Spieltag ist.

Daher geben sich die Vereine Mühe, Aktivitäten für ihre Fans zu organisieren. „Unser Konzept zur Fanarbeit ist genau darauf angelegt, weiterhin die Brücken und Verbindungen, die wir in den letzten Jahren zu unseren Fans, Fanclubs und zur aktiven Fanszene aufgebaut haben, aufrecht zu erhalten“, betont Hegemann. Borussia Dortmund versuche beispielsweise durch Fanclub-FIFA-Turniere, Fanclub-Wettbewerbe und Messenger-Dienste den Kontakt zu halten und für eine positive Stimmung während Corona zu sorgen.

Für den Fußball generell spielen die Fans eine überaus wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle überhaupt. Nur durch die Fans ist der Fußball überhaupt das, was er ist.

Das Fanclub-Leben, wie man es kennt, finde zurzeit aber nicht mehr statt, sagt Scholz. „Da merken wir schon, dass Strukturen zerbrechen und komplett stillgelegt sind“. Virtuelle Treffen, etwa per Videokonferenz, seien kein Ersatz. Ganz untätig waren die Ultras aus Dortmund aber auch während der Corona-Pause nicht, sagt Scholz. Einige Gruppen hätten zum Beispiel Risikogruppen unterstützt.

Wie sieht die Fankultur in Zukunft aus?

Das leere Vorsängerpult im Herzen der Dortmunder Südtribüne. Foto: Till Neuhaus

„Während der Pandemie-Situation wird die Stimmung nicht so sein wie vorher“, sagt Scholz. Zumindest mit Teilzulassungen rechnet er aber für 2021. Die BVB-Ultras haben zwar angekündigt, erst wieder ins Stadion zu gehen, sobald eine hundertprozentige Auslastung möglich ist. Für Scholz steht dennoch fest: „Wenn Corona vorbei ist, kann man so einen Status Quo erreichen, wie er vor der Pandemie war. Wenn der Fußball wieder hochfährt, wird auch das Fanclub-Leben wieder hochgefahren.“

Ganz ohne Auswirkungen werde Corona an der Fanszene allerdings nicht vorübergehen. „Für eine generelle Veränderung ist die Zeit am Ende zu kurz. Ich glaube aber, dass einige sichtbare Veränderungen zu sehen sein werden“, sagt Hegemann. Zum Beispiel rechne er mit dem Wegfall einiger Fanclubs. Auch eine Veränderung von Verhaltensweisen einiger Gruppen hält er für möglich.

Die Krefelder Ultras sehen das ähnlich: „Wir vermuten, dass viele Fanszenen um ein paar Jahre nach hinten geworfen werden. Viele etablierte Strukturen brechen auf oder werden hinterfragt. Bei älteren Mitgliedern verschiebt sich womöglich die Priorität mehr in Richtung Familie. Dadurch können Führungspersonen wegbrechen oder geben das Ruder an jüngere Generationen weiter, welche wiederum ihre ganz eigene Vorstellung vom Ultragedanken und Support haben.“

Der harte Kern, der wirklich Bock hat, der wird immer da sein.

Der Iserlohner Czupalla ist optimistischer. Möglicherweise habe die Coronazeit sogar etwas Gutes: „Vielleicht werden auch die Leute sozusagen aussortiert, die immer nur so mitgeschleift wurden. Die Stimmung ist in den letzten Jahren schlechter geworden, vielleicht entwickelt sich das wieder ins Positive.“

Wann Fans wieder in die Stadien dürfen ist aufgrund des neuen Lockdowns ungewiss. Und so wird das Fandasein sowohl im Eishockey als auch im Fußball noch länger stillstehen. Sicher ist nur: Vereine und Verbände kämpfen für die Rückkehr der Fans. Gesänge, Bierduschen und Torjubel mit Tausenden Menschen – das wird es auch nach Corona wieder geben.

Teaser- und Beitragsfoto: Patrick Scholz

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