Maskendebatte – Was sagt die Wissenschaft?

Am Wochenende forderte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht die Länder auf, die Verhältnismäßigkeit der Maskenpflicht zu überprüfen. Damit startete eine Diskussion, in der scheinbar jeder eine andere Meinung hat. Doch was sagt die Wissenschaft? 

Der Inzidenzwert sinkt und das Wetter wird besser. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet verkündete am Mittwoch (16.06.), dass die Maskenpflicht im Freien beendet werden kann. Im öffentlichen Nahverkehr gilt bereits keine FFP2-Maskenpflicht mehr. Auch in Restaurants, Kneipen und Cafés muss keine Maske getragen werden, solange es weniger als 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen gibt.

Inzwischen haben sich auch mehrere Wissenschaftler*innen sowie Intensivmediziner*innen zu dem Thema positioniert. Der Chef der DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) Gernot Marx plädiert angesichts der sinkenden Infektionszahlen für Lockerungen der Maskenpflicht im Freien. Um die Maskenpflicht auch im Innenbereich aufzuheben, benötige es aber eine Impfquote von 70 Prozent, sagte er der Rheinischen Post. 

Auch der Leipziger Epidemiologe Martin Scholz rät, die Maskenpflicht erst aufzuheben, wenn die Impfkampagne beendet ist. Das sagte er dem Nachrichtenportal Watson.

Hohe Wirksamkeit des Mund-Nasen-Schutzes

In den meisten alltäglichen Situationen verringert schon eine OP-Maske das Ansteckungsrisiko effektiv. Das hat ein internationales Team um Forschende des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz herausgefunden. Anhand von Beobachtungsdaten und Modellrechnungen haben sie die Wirksamkeit der Masken in unterschiedlichen Umgebungen untersucht. In dicht besetzten Innenräumen und im medizinischen Umfeld sollen demnach weiterhin Masken mit FFP2-Niveau genutzt werden, weil dort die Viruskonzentration in der Luft höher ist.

Auch die Weltgesundheitsorganisation hat eine Metaanalyse in Auftrag gegeben. Ergebnis: Ein chirurgischer Mundschutz reduziert das relative Infektionsrisiko um 80 Prozent. Das bedeutet, dass zum Beispiel ein Ansteckungsrisiko von 50 Prozent durch das Tragen der Maske auf 10 Prozent sinkt.

Wissenschaftler*innen aus Tokio kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Ihrer Studie zufolge senken Masken die Virusbelastung beim Gegenüber um 70 Prozent. Ein hundertprozentiger Schutz könne aber durch keine Maske gewährleistet werden.

Die Studien zum Nachlesen
1.     WHO
2.     Tokio
3.     Max-Planck

Einhaltung der Hygienemaßnahmen wichtig

Stefan Goer (Foto: privat)

„Masken sind in der Infektionsprävention nicht das einzige aber ein sehr wichtiges Mittel“, sagt Stefan Goer. Er ist Facharzt für Hygiene- und Umweltmedizin und arbeitet in der Krankenhaushygiene im Uniklinikum Essen. „Als Bestandteil der AHA-Regeln haben Masken einen ganz integralen Anteil am Schutz vor COVID-19.“ Dabei komme es natürlich auch auf den Typ der Maske an.

Die Aufhebung der Maskenpflicht im Freien bewertet er als nachvollziehbar: „Wir wissen, dass im Freien die Übertragung von COVID-19 seltener passiert als in geschlossenen Räumen.“ Eine Aufhebung dürfe aber nicht pauschal für alle Außenbereiche gelten. „Da wo viele Menschen zusammenkommen auf engem Raum, zum Beispiel in Fußballstadien oder bei Demonstrationen, ist das Infektionsrisiko aufgrund der körperlichen Nähe deutlich höher.“

„Faustregel: Wie kommen die Personen zusammen?“

Diese Regel gilt auch im Innenraum. Obwohl dort das Ansteckungsrisiko insgesamt deutlich höher sei, ist Innenraum nicht gleich Innenraum. Es müssten auch Faktoren wie die Auslastung und Lüftungsmöglichkeiten berücksichtigt werden. Goer positioniert sich aber gegen eine generelle Abschaffung der Maskenpflicht in geschlossenen Räumen.

„Es wird ja immer wieder von der Herdenimmunität gesprochen. Es werden Zahlen der immunisierten Personen im Bereich von 70-80 Prozent genannt“, erklärt Goer. „Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 20 Prozent der Personen nicht immunisiert sind. Wenn alle Maßnahmen aufgehoben werden, haben diese ein deutlich höheres Risiko, sich zu infizieren.“ Eine dauerhafte bundesweite Maskenpflicht hält Goer allerdings in Zukunft für unwahrscheinlich. Er sagt, es werde aber immer definierte Bereiche geben, in denen Masken notwendig seien.

Studierende weiter für die Maskenpflicht

Viele haben sich inzwischen schon an die Maske gewöhnt. „Wenn ich aus dem Haus gehe, gehört die Maske für mich schon selbstverständlich dazu, wie das Portemonnaie und der Haustürschlüssel“, sagt Gina, Studentin an der TU-Dortmund.

Gina (21) Bioingenieurwesen
„Die Maske hat uns im Winter ja auch vor einigen anderen Infektionskrankheiten geschützt. Deswegen bin ich auf jeden Fall weiterhin für die Maskenpflicht, besonders in Innenräumen.“ 
Tanneé (21) Soziale Arbeit
„Durch die ganzen Lockerungen, zum Beispiel dass ich die Maske in der Gastronomie nur noch auf dem Weg zum Tisch tragen muss, ist die Maske für mich persönlich gar keine Einschränkung mehr.“ 
Jonas (20) Psychologie
„Die Maskenpflicht im Außenbereich habe ich von Anfang an infrage gestellt und bin daher froh, wenn sie entfällt. Ich bin auch für eine Aufhebung der Pflicht in den Innenräumen, sofern dort nur Getestete, Geimpfte und Genesene anwesend sind. Persönlich halte ich die Maske nämlich schon für eine Einschränkung der Lebensqualität.“ 

Für Geimpfte sieht Goer in Zukunft eine Möglichkeit, die Maskenpflicht abzuschaffen: „Bei geimpften Personen kann man überlegen, ob die Daten es hergeben, auf Masken zu verzichten. Oft ist die Virusausscheidung nur kurz.“ Er merkt aber auch an, dass bei intensiven Kontakten eben doch eine Ansteckung stattfinden könne. „Man muss dann beobachten, wie oft diese Fälle tatsächlich auftreten.“

Schwierig werde es bei den getesteten Personen, da man eine sehr hohe Testfrequenz fordern müsste, die so nicht praktikabel sei. „Derzeit wird zwischen Geimpften, Genesenen und Getesteten kein Unterschied gemacht, auch was die Maskenpflicht angeht und das ist auch gut und richtig so.“ Allerdings stellten Personen ohne Immunschutz (Getestete) auch ein Risiko für andere Personen dar und seien deshalb nicht auf Dauer mit Geimpften und Genesenen gleichzusetzen.

Macht uns die Delta-Variante einen Strich durch die Rechnung?

In Großbritannien wurden unterdessen die geplanten Lockerungen verschoben. Grund dafür ist die Delta-Variante, die sich dort rasend schnell ausbreitet. Der Premierminister Johnson hat Sorge vor einer nächsten Corona-Welle, und das trotz der weit fortgeschrittenen Impfkampagne. Noch ist die Variante in Deutschland kaum verbreitet. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach warnt aber schon vor einer erneuten Ansteckungswelle im Herbst.

Eine aktuelle Studie aus Oxford zeige zudem, dass die Saisonalität dieser Variante deutlich ausgeprägter sei, als ursprünglich angenommen wurde, erklärte Lauterbach am Dienstagabend in der Fernsehsendung „rbb Spezial“.

„Die wichtigste Prävention ist ganz klar die Impfung“, sagt Goer. Das sei natürlich in der aktuellen Situation mit Impfstoffmangel nicht ganz so leicht. Der Appell adressiere sich an Personen, die Zweifel an der Impfung haben oder erst mal zurückhaltend seien. „Wir wissen, dass die Impfung schützt, wir wissen, dass die Impfung gut verträglich ist“, erläutert Goer. Wenn dann der Herbst kommt, müsse man auf die Zahlen schauen.

In Großbritannien wurden wesentliche Maßnahmen aufgehoben. Dort haben sich danach umgeimpfte Personen oder Personen mit lediglich einer einzelnen Impfung infiziert. „Wenn hier in Deutschland auch die Maßnahmen wegfallen, steigt das Risiko auch bei uns für die umgeimpften Personen wieder an.“ Goer sieht auch eine saisonale Verteilung: „Damit müssen wir wieder rechnen, auch im kommenden Herbst. Das ist aber nichts Neues, das sehen wir bei anderen respiratorischen Erkrankungen auch.“

Foto: Philip Altrock/KURT

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