Alle Wege führen nach Zoom

Wegen der Pandemie waren bis jetzt fast drei Semester digital. Das ist ein halber Bachelor. Auch wenn sich die Onlinevorlesungen als Studium ausgeben, fehlt der direkte Austausch. Eine Glosse.

Es ist halb 10 in Deutschland. Und damit mal wieder Zeit für ein Zoom-Meeting. Juhu! Ich vermesse noch einmal die Position meiner Webcam. Sie befindet sich in einem exakten 98.72 Grad Winkel zum Bildschirm. Damit ist genau die Schneise in meinem Zimmer zu sehen, die auch aufgeräumt ist.

Denn irgendwann sind alle Belastungsgrenzen erreicht. Auch die meines 15-Quadratmeter Schweizer Taschenmessers. Fitnessraum, Vorlesungssaal und Studikneipe – das ist mehr, als man von einem einzigen Raum erwarten kann.

„Pro F. Essor lädt Sie zu einem geplanten Zoom-Meeting ein“
„Wollen Sie Zoom öffnen?“ Nein. Achja, rhetorische Frage.

Aber erstmal ab in den Warteraum. Hotlinemusik bei Zoom – das wär doch mal was. So ein einschläferndes Gedudel würde meine Stimmung gerade wirklich heben. Natürlich inklusive des kurzen Herzinfarkts, wenn es in der Leitung knackt. Dazu kommt dann noch die überfreundliche Roboter-Stimme: „Nur noch einen kurzen Moment, der nächste freie Professor steht gleich für Sie zur Verfügung.“

Schwarze Kacheln

Endlich verschwindet das Wartezimmer. „Wollen Sie dem Audiosignal beitreten?“ Mein Kopf liest die Frage instinktiv in der  Roboterstimme. Ich gehorche. Andere wohl auch. Denn ich höre, wie irgendein Paul doch endlich mal spülen soll. Irgendwo im Hintergrund röchelt Darth Vader ins Mikro. Und irgendwer ermordet brutal seine unschuldige Tastatur.

Dr. Pavlow wäre traurig über diese Leute. Selbst seine Hunde waren wohl leichter zu konditionieren. Mein Problem ist das natürlich nicht. Ich bin ein guter Hund. Das kleine graue Mikro-Symbol deaktiviere ich in Lichtgeschwindigkeit.

Endlich kommt auch die Stimme des Professors  – dann folgt ein Bild. Um Guido von Shopping Queen zu zitieren: Der Winkel tut nichts für ihn. Hier würde sich der Katzenfilter von Zoom anbieten. Aber der bleibt leider aus. Insgesamt ist das Bild eher unspektakulär – nur das obligatorische Bücherregal. Nichts, das irgendein ulkiges Hobby verraten würde. Nicht mal eine anarchistische Katze.

„Und, wie war ihr Wochenende, wie geht es Ihnen?“ Er starrt hoffnungsvoll in die Kamera. Nichts. Die schwarzen Kacheln sind stumm. Ich habe Mitleid und melde mich. Mit Kamera natürlich. Ein riesiges Rechteck ist zu sehen – mein Leben in a nutshell. Dann fange ich an zu erzählen:

Von stillen Wochenenden in einem stillen Studentenwohnheim.
Von drückender Isolation in einer drückenden Pandemie.
Von ambivalenter Solidarität in einer ambivalenten Zeit.

Mein flammender Appell gegen den leblosen Bildschirm versiegt. Nichts. Die schwarzen Kacheln bleiben stumm.

Es ist irgendwie immer noch halb 10 in Deutschland – und ich bin auf mute. Zumindest trage ich eine Hose.

 

Teaser-und Beitragsbild: Claire Piontek

 

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