Besser und schneller Lernen durch Binaurale Beats – kann das funktionieren?

Die Klausuren rücken näher. Aber wie kann ich möglichst effektiv lernen? Auf Youtube und anderen Internetseiten herrscht ein großes Angebot an Binauralen Beats, die konzentrationsfördernd sein sollen. Die Meinungen dazu sind geteilt. Ob das funktionieren kann, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Klausurenphase. Zeit zu lernen und sich, dieses Mal rechtzeitig, vorzubereiten. Ich sitze erst wenige Minuten vor der einschlägigen Literatur, als mein Smartphone aufleuchtet. Nach zwei Unterbrechungen durch Whatsapp-Nachrichten und einen Instagram-Check lege ich das Gerät weg. Während ich mich durch die Stromschnellen meiner Ablenkbarkeit gekämpft habe, ist eine Stunde vergangen, in der ich meinen Lernzettel um fünf Sätze erweitern konnte. Geht das auch anders? Ja, sagen Hersteller*innen und Befürworter*innen von sogenannten Binauralen Beats. Sie sind der Meinung, dass durch ihre Produkte die Konzentrationsfähigkeit gesteigert werden kann. Ich bin der Frage auf den Grund gegangen, ob ich durch Binaurale Beats wirklich effektiver lerne.

Doch was sind Binaurale Beats eigentlich?

Als Binaurale Beats wird die Wahrnehmung von Frequenzen bezeichnet, die sich aus der Differenz von zwei unterschiedlichen Tonhöhen ergeben. Die gleichmäßig piependen Sinustöne werden dem Ohr über Stereo-Kopfhörer zugeführt. Die Überschneidung, die sich aus dem Unterschied der Tonhöhen ergibt, wird im Gehirn verarbeitet, heißt es in Anleitungen zur Anwendung. Wenn beispielsweise auf dem linken Ohr eine Frequenz von 440 Hertz (Hz) und auf dem rechten Ohr eine Frequenz von 452 Hz erklingt, beträgt die wahrgenommene Differenz 12 Hz. Das wird Binauraler Beat genannt. Wenn man die Beats hört und das Gehirn sie verarbeitet, soll dies die Wahrnehmung verändern können und zur Entspannung, Stressreduktion und Konzentration dienen.

Über die Wirkung der Beats und deren wissenschaftliche Nachweisbarkeit herrscht Uneinigkeit. Die Forschung beschränkt sich bisher auf vereinzelte Studien. Forscher fanden zum Beispiel 2017, heraus, dass Binaurale Beats das Langzeitgedächtnis positiv beeinflussen können. Sie schlossen ihre Untersuchungen damit, dass die Gedächtnisleistungen durch Beta-Frequenzen positiv beeinflussbar sind.

Wissenschaftliche Grundlage ist nicht geklärt

Hauke Egermann ist Musik- und Neurowissenschaftler und lehrt an der Technischen Universität Dortmund. Foto: Hauke Egermann

Wie verlässlich die Studien tatsächlich sind, ist nicht ganz klar, da es teilweise methodische Mängel in der Studiendurchführung gegeben hat und die Datenlage noch recht gering ist. Auch von Wissenschaftler*innen, die in ihren Untersuchungen eine Wirksamkeit nachweisen konnten, werden weitere Forschungen in dem Bereich empfohlen.

Das gibt auch dem Musik- und Neurowissenschaftler Prof. Hauke Egermann von der Technischen Universität Dortmund zu denken. Er hält die Wirkung der Beats für überschätzt und weist darauf hin, bei existierenden Untersuchungen darauf zu achten, woher diese kommen und ob sie durch unabhängige Gutachter geprüft sind.

Den Bewusstseinszustand von fokussiertem Lernen, der durch Binaurale Beats angestrebt werden soll, beschreibt Egermann als eine Ordnung der sonst recht unabhängig agierenden Neuronen. Bei bestimmten Tätigkeiten im Alltag entsteht diese Ordnung aber auch ohne Unterstützung, ganz natürlich: „Das ist der Fall, wenn wir schlafen, die Augen schließen und manchmal auch, wenn wir Aufgaben lösen.“  Zur Erklärung: Das kann man sich wie eine Gleichschaltung von Neuronenverbänden vorstellen, die die gleiche Aktivität ausüben und identische Frequenzmuster zeigen. Wissenschaftler*innen vermuten, dass solche wiederkehrenden elektrischen Muster wichtig für komplexe kognitive Leistungen sind, so die Neurowissenschaftliche Gesellschaft e. V. Musik- und Neurowissenschaftler Egermann bewertet die Binauralen Beats abschließend: „Das ist etwas, das experimentell auch nicht wirklich belegt ist.“

Positive Erfahrungsberichte

Oliver Tappe hat einen anderen Blick auf das Thema. Er ist Yogalehrer, Autor und gibt Workshops zu außerkörperlichen Erfahrungen. Zudem arbeitet er für das Monroe-Institut, das die Binauralen Beats verkauft und von dem ein großer Teil der Forschung ausgeht. Seit über elf Jahren arbeitet er mit den Frequenzen und hat festgestellt, dass sie viel mehr bieten können als nur Entspannung und meditative Zustände, die oft mit Esoterik in Verbindung gebracht werden. Aber kann man mit herkömmlicher Musik nicht ähnliche Wirkungen erzielen?

„Es kommt auch immer auf die Bereitschaft des Einzelnen an, wie gut er sich auf so etwas einlassen kann.“ (Oliver Tappe)

Seine Antwort: Je nachdem, welche Musik man hört, könne es zwar auch zu ähnlichen Effekten kommen. Die angestrebten Wirkungen steuere man mit den Beats aber gezielter an. Tappe hat eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Ihm selbst helfen die Beats, fokussiert zu arbeiten und er berichtet über ähnliche Erfolge mit Jugendlichen ADHS-Betroffenen.

Oliver Tappe helfen Binaurale Beats, fokussiert zu arbeiten. Foto: Oliver Tappe

Auch in Foren für AD(H)S-Betroffene findet man positive Berichte von Psychotherapeut*innen und Patient*innen. „Ich habe binaurale Musik (im Theta-Bereich) etlichen meiner Patienten empfohlen, um abschalten und entspannen zu können, was bei vielen Problemen relevant ist. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv – bis auf einen Patienten, der von Alpträumen und Schlafwandeln berichtete“, schreibt eine Psychotherapeutin. Oliver Tappe ergänzt dazu: „Es kommt auch immer auf die Bereitschaft des Einzelnen an, wie gut er sich auf so etwas einlassen kann.“

Selbstversuch

In meinem Selbstversuch habe ich mein Lernverhalten über zwei Wochen, eine Woche mit und eine Woche ohne Binaurale Beats, dokumentiert. Damit diese wirken können, sollen die Aufnahmen über Stereo-Kopfhörer angehört werden, damit unsere Ohren die verschiedenen Frequenzhöhen auf dem rechten und linken Ohr hören.

Aber Vorsicht: Expert*innen empfehlen das Hören der Beats nur gesunden Erwachsenen und raten andernfalls vor der Verwendung dringend zu einer Rücksprache mit Ärzt*innen.

Vier Tage lang höre ich also beim Lernen für eine Klausur Binaurale Beats mit Musik oder Naturgeräuschen in einer Beta-Frequenz von 16 Hz. Ein bisschen Schmunzeln muss ich ja doch bei Titeln wie „Genie-Frequenz“ oder „Super-Intelligenz“ – dick auftragen hilft ja bekanntlich, um die Aufmerksamkeit von User*innen zu bündeln.

 

Nachdem sich die erste Skepsis gelegt hat, bin ich aber positiv überrascht. Nach etwa zehn bis fünfzehn Minuten nehme ich meine Störgedanken weniger wahr und fühle mich bereit, konzentriert zu arbeiten. Ob die Wirkung tatsächlich durch die Beats kommt, weiß ich nicht. Es könnte auch sein, dass ich durch die mich beschallenden Kopfhörer isoliert von meiner Umwelt bin und mich deshalb weniger ablenken lasse.

Durch das Hören von Binauralen Beats soll die Konzentrationsfähigkeit gesteigert werden. Foto: Priyanka Singh/ Unsplash

Im Verlauf der Woche komme ich aber immer schneller in den Ruhemodus zum Lernen. Nach jeweils einer Stunde mit Binauralen Beats schalte ich ab und lerne in Stille weiter, weil mir die Geräuschkulisse zu viel wird. Drei Tage lang probiere ich es auch mit alleinstehenden Sinustönen ohne Musik, diese klingen gegenüber den Beats mit Musik doch recht minimalistisch und karg, die Wirkung auf mich bleibt aber ähnlich. Inwiefern ein Placeboeffekt meine Erfahrung verzerrt hat, kann ich nicht sagen.

Vielleicht könnte man mit reizarmer, ruhiger Musik ähnliche Effekte erzielen. Dennoch habe ich eine Verbesserung meiner Konzentrationsfähigkeit bemerkt und die Beats nach der Testwoche noch weiterverwendet. Zwar nicht zu jeder Lerneinheit, aber immer dann, wenn ich gemerkt habe, dass meine Aufmerksamkeit verloren geht und ich beginne unruhig zu werden oder mich abzulenken.

Beitragsbild: Clara Quebbemann

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