Gefahr durch K.-o.-Tropfen: Wie viel Verantwortung tragen Clubs für die Sicherheit?

Im Oktober 2021 berichten britische Medien erstmals über das sogenannte Needle Spiking, bei dem K.-o.-Tropfen nicht über das Getränk verabreicht, sondern den Opfern direkt gespritzt werden. Schnell werden britische Clubs zum Handeln aufgefordert, um weitere Attacken zu verhindern. Aber wie viel Verantwortung tragen Clubs eigentlich, wenn es um die Sicherheit ihrer Gäste geht? Darüber haben wir mit Marius Quante vom Dortmunder Club Oma Doris gesprochen.

KURT: Wir nehmen an, ich bin Gast und komme zu euch – wie sicher kann ich mich bei euch fühlen? 

Quante: Das ist immer eine sehr subjektive Einschätzung. Wir können uns gar nicht herausnehmen, für alle Gäste oder auch nur für einen Gast wirklich zu sprechen. Wir geben immer unser Bestes, dass sich die Leute wohlfühlen.

Man darf nicht von einem Safe Space sprechen, sondern maximal von einem Safer Space, den wir anstreben.

Wenn jemand zu uns kommt und sagt, dass er belästigt wird oder sich nicht wohl fühlt, versuchen wir Maßnahmen zu ergreifen. Die können darin bestehen, dass wir die Person, die übergriffig war, beobachten und gegebenenfalls von der Veranstaltung entfernen und die andere Person von der Situation isolieren, ihr etwas zu trinken oder Traubenzucker geben, sodass der Kreislauf wieder in Schwung kommt. Oder wir fragen bedacht, was passiert ist, und leiten dann gegebenenfalls rechtliche Schritte ein und holen uns Hilfe etwa von der Polizei. Das ist das Äußerste und passiert sehr, sehr selten.

KURT: Inwiefern sind K.-o.-Tropfen ein Thema im Oma Doris?

Quante: Bisher zum Glück gar nicht. Wir haben bis jetzt von Gästen, Mitarbeitenden oder auch selbst nichts in der Richtung mitbekommen. Das bleibt auch hoffentlich so. Ich glaube, es ist in Dortmund oder Deutschland allgemein nicht so ein Thema wie in Großbritannien, da lese ich auf jeden Fall mehr davon.

Übergriffe mit K.-o.-Tropfen in Deutschland
Laut dem WEISSEN RING, einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, gibt es in Deutschland keine verlässliche Statistik darüber, wie viele Menschen jährlich Opfer von K.-o.-Tropfen (in jeglicher Form) werden. Da die meisten Betroffenen es zu spät oder gar nicht bemerken, geht die Organisation von einer hohen Dunkelziffer aus.

Bisher haben wir präventiv, glaube ich, ganz gute Arbeit geleistet. Die Mitarbeitenden gehen hier immer durch den Laden, sammeln auch Getränke ein, die noch halbvoll sind. Es hat natürlich nichts damit zu tun, dass wir den Leuten die Getränke klauen wollen, sondern wir wollen sichergehen, dass nichts im Getränk drin ist, wenn es lange unbeaufsichtigt rumsteht. Oder auch um zu vermeiden, dass es umkippt und auf den Boden fällt. Auch das wäre eine Gefahrensituation, wenn wir Scherben auf dem Boden haben und schlimmstenfalls ein Gast reinfällt. Das soll nicht passieren.

KURT: Als durch die Medien gegangen ist, dass K.-o.-Tropfen auf neue Art per Needle Spiking verabreicht werden – wie habt ihr als Club darauf reagiert? 

Marius Quante arbeitet im Oma Doris in leitender Funktion. Foto: Tien Duc Pham
Marius Quante arbeitet im Oma Doris in leitender Funktion. Foto: Tien Duc Pham

Quante: Ich hab das nur einmal in einem Online-Artikel gelesen, bevor du mich darauf angesprochen hast. Das habe ich zu Anfang für eine Satire gehalten, weil es sehr krass ist: diese kriminelle Energie und der ganze Prozess, der zur Tat gehört. Dass jemand diese Schritte geht, finde ich sehr heftig.

Der Dortmunder Club Oma Doris setzt auf Prävention

KURT: Ende letzten Jahres haben wir bei eldoradio* schon einmal über das Thema gesprochen. Damals sagte der WEISSE RING in Herford, die Clubbetreiber seien für die Sicherheit ihrer Gäste verantwortlich. Wie seht ihr eure Verantwortung?

Quante: Es ist natürlich unsere Aufgabe, dass sich alle wohlfühlen. Es gibt aber auch Maßnahmen, die ein Gast ergreifen kann. Das wäre eben, sein Getränk nicht unbeaufsichtigt zu lassen.

Ansonsten na klar: Die Mitarbeitenden haben immer einen Blick auf die Gäste. Die Leute trinken hier gerne Alkohol und dann verliert der ein oder andere auch mal die Kontrolle. Alleine deshalb haben wir eine Verantwortung, weil wir nüchtern sind. Aber es ist auch schwer, manche Sachen zu unterbinden. Angriffe mit K.-o.-Tropfen werden nur aufhören, wenn die Möglichkeiten genommen werden, sie zu beschaffen. Es ist ja teilweise sogar legal, Mittel wie GBL zu kaufen.

Was sind GHB und GBL?
Bei GHB (Gammahydroxybuttersäure, auch Liquid Ecstasy) handelt es sich um eine farb- und geruchlose Flüssigkeit, die bei höherer Dosierung stark einschläfernd wirkt. Seit März 2002 fällt es in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz, es zu besitzen ist seither also illegal. GBL (Gamma-Butyrolacton) ist ebenfalls eine farb- und geruchlose Flüssigkeit, deren Wirkung fast identisch mit der von GHB ist, da GBL im Körper schnell zu GHB umgewandelt wird. Der Besitz ist jedoch legal, da es lediglich unter das Chemikaliengesetz fällt und etwa zur Reinigung von Oberflächen im Handel erhältlich ist.

Die Strafen müssen härter sein. Und natürlich muss man den Leuten, die das als Möglichkeit sehen, das Date rumzukriegen, klarmachen, dass das ein No-Go ist. Das sind die Sachen, die man präventiv machen kann und muss, und ich glaube, dann kommt man irgendwann an die Grenzen des Machbaren. Wer hier irgendetwas rein schmuggeln will, der wird einen Weg finden.

Das ist immer eine Frage zwischen: Wie weit kann unser Sicherheitspersonal beim Einlass gehen und wie kreativ wird jemand, der etwas in den Club schmuggeln möchte.

Ein Stammtisch der Dortmunder Nachtkultur soll neue Sicherheitskonzepte entwickeln

KURT: Glaubt ihr denn, ihr macht genug, um Attacken durch K.-o.-Tropfen zu verhindern?

Quante: Das ist schwierig. Ich würde nicht sagen, dass wir alles ausschöpfen, einfach weil ich nicht weiß, welche Möglichkeiten es alle gibt. Wir wollen uns mehr mit Awareness-Strukturen beschäftigen. In dem Rahmen soll innerhalb der Dortmunder Nachtkultur eine Art Stammtisch entstehen – mit Menschen, die ein Interesse daran haben, zum Beispiel Besitzer und Mitarbeiter von Clubs und Konzertstätten.

Wir werden verschiedene Themen angehen und K.o.-Tropen werden sicher auch ein Thema sein. Was man präventiv machen kann und was man machen muss, wenn es doch zu Vorfällen kommt, und wie man mit den Betroffenen und den Täter*innen umgeht. Ich glaube nicht, dass wir da an der Spitze sind. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir damit bisher so wenig Erfahrung hatten. Insofern ist es eigentlich etwas Gutes, dass wir uns noch nicht so viel damit beschäftigen mussten.

KURT: Wenn dann doch mal etwas passiert: Gibt es bei euch eine zentrale Anlaufstelle, wenn ich beispielsweise glaube, mir könnte etwas verabreicht worden sein?

Quante: Wir hatten bisher immer das Verständnis, dass man bei uns jeden ansprechen kann: die Veranstaltenden, die DJs, das Sicherheitspersonal, Kasse, Garderobe etc. Nur ich glaube, viele Leute sind sich dessen nicht bewusst oder trauen sich vielleicht auch nicht.

 

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Betroffene von Übergriffen können mit Codewörtern Hilfe suchen

Wir haben seit dem letztem Jahr Aushänge auf den Toiletten mit Codewörtern, sodass man zum Beispiel an der Theke fragen kann: „Arbeitet [Name] heute?“ Wodurch dann allen Mitarbeitenden klar ist, dass hier ein Problem vorliegt oder die Person sich einfach unwohl fühlt. Das sind immer verschiedene Codewörter, je nach Herren- oder Damentoilette, damit auch der Täter, wenn er neben einem steht, nicht sofort Bescheid weiß. Das ist neu, weil uns bewusst geworden ist, dass vielen Leuten nicht klar ist, dass sie bei uns Hilfe bekommen. Darauf müssen wir noch stärker aufmerksam machen.

KURT: Und wie habt ihr das vor? 

Quante: Zum einen durch Aushänge, wir müssen das Ganze vielleicht noch plakativer machen. Eine andere Möglichkeit wäre, das mit ins Marketing zu nehmen und sagen: „Das ist ein Raum, in dem die Leute sich wohlfühlen sollen.“ Am Ende liegt das aber natürlich an den Leuten.

Sie müssen zu uns kommen und uns ihre Probleme schildern. Wenn wir es nicht sehen und andere Gäste es nicht sehen und uns informieren, bekommen wir es nicht mit.

KURT: Zurück zum Needle-Spiking in Großbritannien. Das Ganze hat natürlich für vielerlei Reaktionen gesorgt, etwa wurden dort Clubs als Teil der Kampagne #GirlsNightIn boykottiert. Außerdem wurde in Petitionen gefordert, die Taschen am Eingang noch ordentlicher zu kontrollieren. Findest du so etwas sinnvoll?

Quante: Wie gesagt: Wer etwas hineinschmuggeln möchte, wird immer Mittel und Wege finden. Vor allem in der aktuellen Situation sind die Kontrollen der Personalien natürlich sehr aufwendig, weil unser Sicherheitspersonal zusätzlich auch Impfnachweise kontrollieren muss. Es gibt aber Stichprobenkontrollen der Taschen. Da jetzt auch in die letzte Tasche jedes Rucksacks zu schauen – ich weiß nicht, inwiefern das mit der Privatsphäre und dem Wohlfühlen im Club im Einklang sein kann, wenn ich mich erst am Eingang nackt machen muss, um reinzukommen.

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KURT: Clubbesucher*innen aus Großbritannien haben außerdem gefordert, Metalldetektoren oder Drogenspürhunde beim Einlass einzusetzen, um Nadeln und K.-o.-Tropfen zu erkennen. Kannst du dir das vorstellen?

Quante: Nein, absolut nicht. Wenn es Metalldetektoren am Eingang gibt, gibt es auch Möglichkeiten, das Ganze mit nicht-metallischen Verpackungen reinzubekommen. Dazu kommt, dass unsere Öffnungszeiten von 23 bis 6,7 Uhr sind. In so einem Zeitraum möchte ich keinen Hund an der Tür stehen haben. Das ist nicht das richtige Umfeld für ein Tier.

KURT: Wenn diese Methoden nicht denkbar sind – was denn dann?

Quante: Es ist ein Zusammenspiel von allen Parteien. Wir müssen sichtbar sein für die Gäste, sodass sie uns jederzeit ansprechen können. Die Gäste sollten da keine Hemmungen verspüren müssen, auch dann nicht, wenn sie selbst Drogen konsumiert haben.

Wir verurteilen hier niemanden. Wenn man ins Krankenhaus geht und etwas eingeschmissen hat, wird man auch nicht vor die Tür gesetzt.

Die Gäste müssen das annehmen, selbst ein Auge darauf haben. Das andere wäre, die rechtliche Grundlage zu verschärfen, damit K.-o.-Tropfen zunehmend unattraktiver werden. Man muss darüber aufklären, dass das eine krasse Sache ist. Denn in dem Zusammenhang gab es schon Todesfälle.

Teaser- und Beitragsbild: Miss Gloria Design (@missgloriadesign), mit freundlicher Genehmigung der Urheberinnen.

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