Christopher Street Day: Von der Rebellion zur globalen Demonstration

Weltweit demonstrieren Millionen von Menschen am Christopher Street Day für die Rechte der LGBTQIA+-Community. Kurt erklärt, wie die Protestbewegung in einer kleinen Bar in der Christopher Street 51 in New York begann.

„Y M C A“ dröhnt aus den Boxen eines Umzugswagens. Die Menge tanzt, knutscht und feiert. Regenbogenfarben, soweit das Auge reicht. Anlässlich der größten CSD-Demo Europas protestieren jedes Jahr etwa eine Million Menschen für die Rechte der LGBTQIA+-Community auf den Kölner Straßen. Das war nicht immer so.

New York, 1969: Auf den von Bäumen gesäumten Straßen von Greenwich Village herrschte ein buntes Treiben. Das Viertel am Hudson River in Manhattan gehörte den Künstler*innen und Intellektuellen. Zwischen Jazzclubs und kleinen Theatern versteckte sich das „Stonewall Inn“ hinter einer unauffälligen Backsteinfassade in der Christopher Street 51. Lediglich die unscheinbare Lichterkette, die über dem Eingangsbereich hing, verriet, dass es sich um eine Bar handelte.

Das Lokal war eines der wenigen in New York, in der homosexuelle Menschen geduldet waren. Allseits war bekannt, dass das „Stonewall Inn“ ein Treffpunkt der LGBTQIA+-Community war. Auch die Polizei hatte das mitbekommen. Da Homosexualität in den USA zu diesem Zeitpunkt verboten war, kam es regelmäßig zu Razzien in der Bar. Das sollte sich ab dem 28. Juni 1969 ändern. „An den folgenden Tagen wurden aus den Rebellionen Proteste und aus Bewohner*innen des Viertels sowie Gästen der Bar Aktivist*innen,“ erklärt der Vorstand und Pressesprecher des Kölner Lesben und Schwulen Tag (kurz KLuST). 

Hugo Winkels besucht seit Jahren den CSD in Köln. Foto: Privat.

Auch an diesem Samstag stürmte die Polizei das „Stonewall Inn“. Doch die Gäste ließen sich nicht einfach verhaften, sondern wehrten sich. Gemeinsam vertrieben sie die Beamt*innen aus der Bar. Für Passant*innen in der Umgebung war die Auseinandersetzung nicht zu übersehen. Das für damalige Verhältnisse sehr tolerante Volk von Greenwich Village solidarisierte sich mit den protestierenden Gästen. Mit vereinten Kräften verwiesen sie die Polizei aus dem Viertel. Der Aufstand blieb kein Einzelfall. Schon am nächsten Abend stand die Polizei erneut vor der Bar. Auch dieses Mal widersetzten sich die Gäste.

Das erzählte ihm einer der Bartender des “Stonewall Inn“. Zwei Wochen lang demonstrierten sie auf der Christopher Street gegen die Diskriminierung und Kriminalisierung der LGBTQIA+-Community, führt Hugo Winkels fort.

Köln, CSD 2019: Umringt von einer ausgelassen tanzenden Menge winkt Hugo Winkels aus einem frisch polierten Oldtimer. 27 Jahre ist es her, dass er das erste Mal bei einer CSD-Demo war. „Zufälligerweise bin ich am 15. Juli 1992, kurz vor der allerersten CSD-Demo in Köln, rüber gezogen“, erinnert sich Winkels. Aufgewachsen ist er in dem konservativ-katholischen Wallfahrtsort Kevelaer bei Kleve.

„Aufgrund meiner Sexualität wurde ich damals oft diskriminiert, aber wegen meiner selbstbewussten Art hat mir das nie so viel ausgemacht.“

Anderen in seinem Ort, die auch schwul waren, erging es anders. So erkannte Winkels früh, dass er Menschen in der gleichen Situation helfen will. Dem KLuST trat er 2017 bei. In diesem Jahr blickt er auf 30 Jahre CSD zurück. Sein Fazit: „Für die Bewegung und die Community hat sich viel verändert. Sowohl ins Positive als auch ins Negative.“

Die Akzeptanz sei gestiegen und viele Dinge, für die er damals auf die Straße ging, seien heute selbstverständlich. Darüber freut sich Winkels, nur merkt er an: „Für einige junge Leute hat die CSD-Demo mehr Party- als Kampfcharakter.“ Die Menschen dürften nicht vergessen, wie der CSD entstanden ist und dass es noch immer Länder gebe, in denen Mitglieder der LGBTQIA+-Community diskriminiert, schikaniert und kriminalisiert werden. Mit Blick auf die Zukunft der Demo hat Hugo Winkels eine klare Meinung: „So lange es immer noch eine Rolle spielt, ob man schwul ist oder nicht, brauchen wir den CSD!“

Beitragsbild: pixabay

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