„Es geht um menschlichen Anstand“

Widerlegen ist also auch ohne Zeitzeugen möglich. Ist meine Generation noch mehr verpflichtet, als dem Widerlegen und der kritischen Auseinandersetzung mit solchen Aussagen?

Schuld ist immer individuell. Kollektivschuld ist faktisch unmöglich und moralisch verwerflich. Das gilt für Opfer genauso wie für Täter. Es gibt nur individuelle Opfer und individuelle Täter. Aber jeder ist ein Teil eines staatlichen Ganzen. Die Bundesrepublik Deutschland ist der Nachfolgestaat des Dritten Reichs. Jeder Staat steht in einer Kette von Generationen. Das sind die Rahmenbedingungen eines Staates. Ich spreche deswegen eher von einer Haftung. Das bezieht sich nicht nur auf den Umgang mit Antisemitismus, sondern beispielsweise auch auf Reparationszahlungen gegenüber ehemaligen Kolonien. Jeder Staat steht in der Traditionslinie seiner Vorfahren. Das ist mit dem Erbvorgang vergleichbar – à la carte kann man nicht erben.

Besteht die Haftung auch darin, sich gegen Antisemitismus auszusprechen?

Sich vom Antisemitismus zu distanzieren, ist ein Gebot der Menschlichkeit, nicht der Haftung. Es ist eine Frage des elementaren menschlichen Anstands. Das betrifft aber nicht nur die Distanzierung vom Antisemitismus, sondern von allen Vorurteilen. Deswegen muss man sich damit auseinandersetzen, wie man Vorurteile bekämpft. Außerdem wird man von der Vergangenheit geprägt. Ein in Deutschland Geborener ist den Einflüssen der deutschen Geschichte stärker ausgesetzt als ein Eskimo. Sich dann mit den positiven als auch negativen Seiten der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Man kann sich nur selbst verstehen, wenn man weiß, woher man kommt.

Wie bewerten Sie Gleichgültigkeit gegenüber der deutschen Geschichte?

Es gibt Leute, die sich nicht für die eigene Geschichte interessieren. Das ist aber völlig ungefährlich. Gefährlich wird es nur, wenn andere wegen deren Herkunft diskriminiert oder gar attackiert werden. Sich dagegen einzusetzen, hat aber nichts mit Geschichtsinteresse, sondern mit elementarer Menschlichkeit zu tun. Das hängt nicht vom Geschichtsinteresse ab. Es steht und fällt mit menschlichem Anstand!

Geht es bei der Bekämpfung von Antisemitismus also um menschlichen Anstand in einer Gesellschaft?

Ja, klar. Ich muss ja auch nicht wissen, woher ein Fremder kommt, um diesem  zu helfen. Es ist eine Frage der Menschlichkeit

Wird sich aus Ihrer Sicht in der Antisemitismus-Debatte zu sehr auf den geschichtlichen Aspekt konzentriert?

Ja, natürlich und das zeigt, dass die Debatte oft falsch geführt wird. Das knüpft auch an das Problem an, dass Schüler sagen, sie haben zu viel über Antisemitismus in der NS-Zeit im Unterricht gehört und doch wenig darüber wissen.

Wie glauben Sie, wird sich der Umgang mit Antisemitismus in den zukünftigen Generationen verändern?

Der Antisemitismus ist 3.000 Jahre alt und wird mindestens noch 3.000 Jahre alt werden. Es gibt sehr viele menschliche Leute, aber meistens nicht genug.

Was kann unsere Generation tun?

Antisemitismus ist eine Ausprägung des Defizits an menschlichem Anstand. Deswegen soll die Gesellschaft nicht nur Humanität predigen, sondern Humanität leben. Das ist ein Appell an jede Generation, überall und immer.

Ich danke Ihnen für das Gespräch Herr Wolffsohn!

Über den Experten
Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. Seine jüdischen Eltern mussten 1939 aus Deutschland fliehen. 1954 kehrten sie mit Wolffsohn zurück nach Berlin. Von 1981 bis 2012 lehrte er als Professor Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Mit seinen provokanten Thesen ist er ein beliebter Gast in Talk-Shows und Diskussionen. In seinem Buch „Deutschjüdische Glückskinder“ beschreibt er unter anderem die Flucht seiner Eltern aus dem nationalsozialistischen Deutschland.

 

Beitragsbild: Unsplash 

 

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