NRW braucht Blut(-spender)

Bei schweren Unfällen, für größere Operationen, zur Behandlung von Krebs und Herzkrankheiten: In NRWs Krankenhäusern wird viel Blut gebraucht. Damit das auch da ist, wenn Ärzte und Patienten es benötigten, sind sie auf Blutspender angewiesen. Und von denen gab es 2018 zu wenig, so der Blutspendedienst West des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

Sebastian Jäger spendet Blut, seitdem er 18 Jahre alt ist. Seine Eltern haben ihn schon als Kind manchmal mitgenommen, wenn sie selbst spenden gegangen sind. Dadurch war er fest entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen. Als er achtzehn Jahre alt war, ging er mit seiner damaligen Freundin zum ersten Mal zu einer Blutspendeaktion. Der Physikdoktorand, der jetzt in Bochum an der Uni ist, hat vorher in Dortmund studiert. Da ist er da auch öfter zum DRK-Blutspendemobil auf dem Campus gegangen. „Ich finde es wichtig und sinnvoll zu spenden und es kostet mich ja nicht mehr als eine halbe Stunde meiner Zeit.“

„Der Faktor Zeit spielt eine Rolle“

Doch diese Zeit haben scheinbar immer weniger Menschen. Stephan David Küpper vom DRK-Blutspendedienst West vermutet, dass das auch etwas mit der modernen Gesellschaft zu tun hat. „Der Faktor Zeit spielt da schon eine Rolle. Gerade junge Menschen sind immer mehr unterwegs, viele Leute pendeln zur Arbeit oder zur Uni. Auch das Freizeitverhalten hat sich verändert. Und dann kommt auch noch das DRK und fragt: Haben Sie mal ein bisschen Zeit für eine Blutspende?“

Der Blutspendedienst West kümmert sich um die Versorgung mit Blutkonserven in NRW, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Im vergangenen Jahr fehlten allerdings rund 60.000 Blutkonserven, um alle Krankenhäuser und Arztpraxen in diesem Bereich angemessen auszustatten. Neben dem Zeitmangel ist daran auch der demografische Wandel schuld. „Die Menschen werden immer älter. Das ist natürlich schön, aber damit brauchen auch immer mehr Menschen im Laufe ihres Lebens eine Blutkonserve. Und am anderen Ende kommen nicht genug junge Menschen nach, die spenden“, so Küpper. Der Mangel an Spendern heißt im Moment noch nicht, dass wichtige Operationen nicht durchgeführt werden können, denn der Blutspendedienst West kann im akuten Notfall von anderen Spendediensten Konserven bekommen. „Aber eigentlich müsste ein so bevölkerungsreiches Bundesland wie NRW sich selbst versorgen können. Wenn das nicht so ist, müssen wir uns fragen, wieso.“

Sebastian hat bei seiner ersten Spende erfahren, dass er die Blutgruppe Null negativ hat, er ist also ein Universalsspender. Das bedeutet, dass er theoretisch jedem Patienten, unabhängig von dessen Blutgruppe, Blut spenden kann. Die Blutgruppe Null negativ ist ziemlich selten, nur sechs Prozent der Deutschen haben sie. Das heißt aber auch, dass Sebastian nur Blut von einem anderen Menschen mit Null negativ bekommen kan, wenn er selbst mal eine Blutkonserve braucht. „Das ist natürlich noch mal ein besonderer Ansporn, um Spenden zu gehen.“ Negative Erfahrungen hat er bisher keine gemacht. „Ich war nur manchmal etwas müde nach der Spende.“ Das Rote Kreuz empfiehlt, vor und nach dem Spenden ausreichend zu essen und zu trinken, um sich danach möglichst fit zu fühlen. Sport machen oder in die Sauna gehen sollte man am Tag einer Blutspende allerdings nicht mehr.

Wer darf spenden?

Wer Blut spenden möchte, kann das entweder beim DRK oder bei Blutspendezentren von Kliniken und privaten Anbietern. Dazu muss man über 18 Jahre alt sein, ein gültiges Ausweisdokument besitzen und sich gesund fühlen. Vor der Spende muss jeder einen Fragebogen ausfüllen, um sicherzugehen, dass sein Blut verwendet werden kann. Wer in den vergangenen vier Monaten ein Tattoo oder ein Piercing bekommen hat, darf nicht spenden, denn so lange dauert die Inkubationszeit der Infektionskrankheit Hepatitis B. Auch ein Gefängnisaufenthalt oder eine Fernreise in Gebiete mit tropischen Krankheiten wie Malaria können für einen bestimmten Zeitraum von der Spende ausschließen. Diese Regelungen sollen sicherstellen, dass sich der Empfänger einer Blutkonserve nicht bei seinem Spender mit Krankheiten ansteckt.

Kontrovers diskutiert wird, dass homosexuelle oder bisexuelle Männer ebenso wie Prostituierte und Menschen mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern nur dann Blut spenden dürfen, wenn sie ein Jahr lang kein „sexuelles Risikoverhalten“ ausüben. Dazu zählen unter anderem der Sex zwischen zwei Männern oder ungeschützter Geschlechtsverkehr mit neuen Partnern. Solches Verhalten, so argumentieren Medizinier, erhöhe die Gefahr einer Ansteckung mit Infektionskrankheiten wie Hepatitis C oder HIV. Bis 2017 waren diese Bevölkerungsgruppen sogar komplett von der Spende ausgeschlossen. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs legte aber fest, dass ein genereller Ausschluss wegen des Verbots der Diskriminierung unzulässig ist, deshalb gilt jetzt die einjährige Sperrfrist. Die Deutsche Aidshilfe und der Lesben- und Schwulenverband Deutschland kritisieren diese Regelung als immer noch zu streng. Ein Ausschluss der Infektionsgefahr für Blutempfänger könne ihrer Meinung nach schon früher sichergestellt werden. Stephan David Küpper versteht den Unmut, plädiert aber für Verständnis. „Niemand möchte diese Bevölkerungsgruppen diskriminieren. Es geht bei der Regelung lediglich um den Schutz der Patienten, die sich zu hundert Prozent darauf verlassen müssen, dass ihre Blutkonserven sicher sind.“

Geld ist keine Lösung

Um in Zukunft die Zahl der Blutspender zu erhöhen, will das DRK seinen Service verbessern. „Wir wollen die Blutspende schneller und angenehmer gestalten“, erläutert Küpper. Außerdem soll die Bevölkerung besser informiert werden, auch über die Gründe für den Ausschluss von der Spende. Auf junge Leute will das DRK anders zugehen, um sie fürs Spenden zu gewinnen, zum Beispiel ist die Einrichtung eines Instagram-Accounts geplant. „Junge Leute und Studierende sind für uns eine wichtige Zielgruppe.“ Spender mit Geldzahlungen zu motivieren hält Küpper dagegen nicht für sinnvoll. „2018 konnte man beobachten, dass die Institutionen wie Kliniken und private Anbieter, die für die Spende Geld zahlen, dieselben Probleme mit dem Spendermangel hatten wie wir. Außerdem würden am Ende auch die Blutkonserven für die Krankenhäuser und Patienten teurer werden, wenn wir den Spendern etwas zahlen.“

Auch Sebastian Jäger sieht die Motivation von Spendern mit Geld kritisch. „Das würde die Wahrscheinlichkeit von Missbrauch erhöhen. Dann gehen Menschen vielleicht in zu kurzen Abständen bei verschiedenen Anbietern spenden und gefährden sich damit selbst.“ Eine Vollblutspende, bei der man ungefähr 500 Milliliter Blut abgibt, darf nämlich nur in größeren Abständen durchgeführt werden. Männer dürfen pro Jahr sechsmal spenden, Frauen nur viermal. Plasmaspenden, bei denen dem Blut nur ein Bestandteil entzogen wird, dürfen auch in kürzeren Abständen durchgeführt werden.

Für nervöse Erstspender hat Sebastian einen Rat: „Fragt die Leute, die euch betreuen, sie können euch alle Fragen beantworten. Man wird vor jeder Spende auch von einem Arzt untersucht und der lässt einen nicht spenden, wenn es gesundheitlich gefährlich sein könnte.“

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