Sexuell übertragbare Krankheiten: „Die Wissenslücken sind eklatant“

Janet Wach vom Gesundheitsamt Bochum arbeitet im Walk In Ruhr (WIR) — dem Zentrum für sexuelle Gesundheit. Sie erklärt, warum die Zahl der Erkrankungen an STIs steigt und warum Kondome keinen vollkommenen Schutz bieten.

KURT: Wie läuft ein Besuch im WIR Zentrum ab?

Interviewpartnerin Janet Wach
Janet Wach, Gesundheitsamt Bochum               Foto: Janet Wach

Janet Wach: Unter Corona-Bedingungen ist das gerade ein klein wenig anders. Vorher waren wir ein Zentrum, in dem die Besucher:innen ohne Termin vorbeischauen konnten. Jetzt vergeben wir Termine. In der Regel sind wir eine bis zwei Wochen im Voraus ausgebucht. Kurzfristig ist es mit akuten Beschwerden möglich, einen Termin zu bekommen. Sie können sich aussuchen, ob Sie den Test anonym machen möchten oder nicht. Wir haben ein gewisses Standardangebot an Tests, wenn es keine besonderen Risikofaktoren gibt. Das sind HIV, Chlamydien und Gonnorhoe, also Tripper. Unter besonderen Bedingungen können wir auch auf weitere Infektionen testen. Man muss nicht unbedingt immer auf alles testen. Wer aber eine Risikosituation hatte, durch die zum Beispiel Syphilis übertragen werden konnte, den testen wir natürlich auch darauf.

Die Zahl der Erkrankungen mit STIs steigt. Können Sie das erklären?

Janet Wach: Die Syphilis verstärkt sich und ein Grund ist, dass sich die Bakterien bei jeglichem sexuellen Kontakt übertragen lassen. Die Syphilis ist aber – anders als Chlamydien – bis jetzt noch sehr zielgruppenspezifisch verteilt. Die meisten Infektionen treten bei Männern auf, die Sex mit Männern haben und bei Frauen, die in der Sexarbeit tätig sind. Geschätzt fallen dabei 85 Prozent der Fälle auf Männer, die Sex mit anderen Männern haben. Syphilis ist eine sehr ansteckende Krankheit und die Patient:innen erlangen nach einer Infektion keine Immunität. Chlamydien sind bereits in der breiten Bevölkerung angekommen. Diese Erreger übertragen sich von Schleimhaut zu Schleimhaut beziehungsweise über eine Schmierinfektion beim sexuellen Kontakt.

Wie läuft ein Test auf Chlamydien oder Tripper ab?

Janet Wach: Zuerst werden Proben entnommen, dafür haben wir eine spezielle Toilette, auf der die Besucher:innen sich selbst die Proben abnehmen können. Die Erreger leben in Schleimhautzellen. Je nachdem, welche Körperareale bei sexuellen Kontakten eine Rolle spielen, können sie durch Oralverkehr zum Beispiel im Rachen zu finden sein. Natürlich kann man die Erreger auch im Genitalbereich haben. Man kann sie aber auch rektal im Darm haben, also entweder durch den eindringenden Kontakt mit Zunge, Finger, Sexspielzeug oder Penis. Bei Frauen ist eine Übertragung der Erreger auch durch eine Schmierinfektion von der Scheide zum Darm hin möglich. Und so kann man mit einem kleinen dünnen Wattestäbchen selbst dort die Proben abnehmen. Nach zwei bis vier Tagen haben wir dann in der Regel die Ergebnisse. Nach Absprache teilen wir dann entweder telefonisch oder per E-Mail die Ergebnisse mit.

Wer sollte sich testen lassen?

Janet Wach: Letztlich entscheidet das jede:r selbst und es hängt immer individuell vom eigenen Sexualleben ab. Wenn jemand kommt, der:die schon drei, fünf oder sechs Partner:innen hatte, würde es sich lohnen, zu testen. Das ist natürlich nur eine Standardempfehlung, die gilt nicht für jede:n. Man kann auch nach dem ersten sexuellen Kontakt schon eine sexuell übertragbare Infektion haben oder auch nach 50 Partner:innen keine. Das hängt unter anderem auch davon ab, wie die Beteiligten ihre Partner:innen kennenlernen und ob über bisherige Erfahrungen geredet wird oder ob es sich um anonyme Sexkontakte handelt.

Wer kommt ins WIR Zentrum?

Janet Wach: Manche kommen ausschließlich präventiv, weil sie in einer neuen Partnerschaft sind und wiederum andere kommen einfach regelmäßig jedes Jahr einmal oder auch mehrfach. Manche kommen wegen eines bestimmten Anlasses, weil sie einen One-Night-Stand hatten oder weil das Kondom geplatzt ist. Manchmal kommen auch Polizist:innen, die bei einer Schlägerei mit Blut in Kontakt gekommen sind.

Meistens sind es Besucher:innen mit einem sehr guten Gesundheits- und Risikobewusstsein. Das Ziel in der Beratung ist, dass jede:r kommen kann und wir nicht moralisch bewerten. Mit Ausnahme von nicht-einvernehmlichen Sex ist alles in Ordnung. 

Wissen die Menschen genug über sexuell übertragbare Infektionen?

Janet Wach: Nein, häufig nicht. Die meisten kennen HIV und das war’s. Dann haben sie vielleicht mal Tripper gehört. Das kriegt man nach landläufiger Meinung nur im Bordell und mehr weiß dann niemand. Es ist so, dass man sich erst einmal ein Risikobewusstsein aneignen muss. Man muss erkennen können, dass man eine STI haben könnte. Und dann muss man sich testen lassen. Und das ist leider in Deutschland nicht ganz so einfach. Es gibt kaum Strukturen wie das WIR Zentrum für sexuell übertragbare Infektionen. Es schreckt natürlich ab, wenn ich ohne Beschwerden zu allen möglichen Ärzt:innen gehen und die Test-Kosten tragen muss, um mir dann womöglich noch einen dummen Spruch anzuhören und im Endeffekt kommt überall ein negatives Testergebnis heraus. Das ist das Problem: Man legt den Leuten für diese Form von Prävention zu viele Steine in den Weg.

Wie zuverlässig schützen Kondome vor sexuell übertragbaren Infektionen?

Janet Wach: Kondome schützen vor HIV. Aber sie bieten keinen hundertprozentigen Schutz vor den anderen Infektionen, weshalb eben das regelmäßige Testen so wichtig ist. Es gibt noch die Papillomviren. Das sind Erreger, die zu Krebsvorstufen führen können oder auch zu gutartigen Genitalwarzen. Gegen diese Viren gibt es eine Impfung. Davor schützt ein Kondom praktisch gar nicht, weil die Erreger durch Hautkontakt übertragen werden. Ähnlich ist es bei der Herpesinfektion. Und bei den bakteriellen Infektionen schützt ein Kondom nur bei Vaginal- und Analverkehr. Oralverkehr macht halt keiner mit Kondom. Es ist trotzdem hilfreich, Kondome zu benutzen, die sind aber kein Allheilmittel. Ratsam ist es – wie gesagt – sich regelmäßig testen zu lassen und dazu gehört dann auch, die aktuellen Partner:innen zu informieren und zu behandeln, genauso wie die Verflossenen.

Kommentar: Let’s talk about sexuell übertragbare Krankheiten!

Fotoquelle: pixabay/Klaus Hausmann

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