Kommentar: Kein Applaus für 20 Jahre Coachella-Theater

Ab diesem Wochenende dreht das Riesenrad wieder seine Kreise. Das Musik-Festival Coachella wird 20 Jahre alt und verwandelt das beschauliche Coachella Valley inmitten der kalifornischen Colorado Wüste jedes Jahr in ein gigantisches Spieleparadies für Blogger, Influencer und sonstige geltungssüchtige Instagrammer. Zeit sie aus dem Småland abzuholen.

Sie sind jung, wahnsinnig gut aussehend, von coolen Leuten umgeben und haben die beste Zeit ihres Lebens: So sollen die Menschen sein, die Marken und Modelabels suchen, um ihre Produkte schmackhaft zu präsentieren. Schon seit den 90er Jahren vermarkten die Unternehmen auf diese Art so ziemlich alles: Klamotten, Schnaps, Make-up, teure Autos. Mit dem Coachella ist diese Werbekulisse zu einem leibhaftigen Ort geworden: Eine Mega-Marketing-Maschine, verkleidet als Musik-Festival. Nach zwanzig Jahren ist es allerhöchste Zeit, dass das Coachella sein Kostüm endlich ablegt.

Es ist kein Zufall, dass fast jedes Bild vom #Coachella, nicht nur das immer gleiche Riesenrad zeigt, sondern auch mit unzähligen Produkt-Verlinkungen daher kommt. Die Influencerinnen Novalanalove im BMW und BloggerBazaar im Mercedes – der Festivalshuttle. Gesichtstuch von Revolve, Fransenkleid von Pepe Jeans – das Festivalstyling. Drinks von Absolut, Unterkunft durch booking.com – der Vibe.

430 Dollar für den Instafame

Der Aufwand der Unternehmen an den beiden Festivalwochenenden zahlt sich aus:  Das Coachella und seine Influencer tragen bei Revolve maßgeblich zum Jahresumsatz von rund einer Milliarde Dollar bei, so das Modelabel gegenüber dem Forbes Magazin. Kein Unternehmen hat das je über Woodstock gesagt.

Dabei zahlen Besucher den rekordbrechenden Eintrittspreis von knapp 430 Dollar (ohne Camping) in diesem Jahr doch eigentlich, um bekannte Künstler auf der Bühne zusehen. Doch für Daheimgebliebene und Instagram-Follower blieb selbst der „legendäre“ Beyonce-Auftritt aus dem letzten Jahr ein Mythos. Was sie stattdessen sahen, waren das immer gleiche Riesenrad und Produkte, Produkte, Produkte. Mehr wollten die, die dort sind, scheinbar nicht zeigen.

Dass der Coachella-Instagram Feed eine einzige Dauerwerbung ist, fällt allerdings so gut wie gar nicht auf. Die Bilder fügen sich ja auch perfekt in den immer makellosen, durchgestylten und vermeintlich glücklichen Insta-Kosmos ein.

 

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Wer wegen dieser Bilder wehmütig oder gar unglücklich wird, sollte sich vor Augen führen, dass die meisten dort wahrscheinlich tatsächlich nur ihren Job machen: Die Kamera stets im Anschlag und im Hinterkopf das ausgearbeitete Konzept, mit allem, was an diesem Tag fotografiert, positioniert, vermarktet und gepostet werden muss. Angesichts der kalifornischen Wüstenhitze klingt das für mich eher nach harter Arbeit, als nach ausgelassenem Festival-Spaß mit guten Freunden.

Die größte Foto-Location der Welt

Nicht alle Influencer oder Instagrammer machen auf dem Coachella Werbung, das stimmt. Alternativer Instagram-Content gibt allerdings wenig Grund für mehr Hoffnung: Denn, wenn man gerade kein Produkt hat, was man inszenieren muss, dann inszeniert man sich eben selbst. Die Modebloggerin Masha Sedgwick zog sich vor Jahren ganz bewusst von dem Festival zurück und schrieb dazu beim Online-Magazin ze.tt: „Eine einzige große Shooting-Location um sich und seine Crowd online abzufeiern.“  Wer den Insta-Glamour aber ein bisschen hinterfragt, kommt auch selbst drauf, dass der Coachella-Besuch für die Influencer wohl nur wenig mit dem Reiz eines Musik-Festivals zu tun hat.

Das Coachella hat die Scheinwelt auf Instagram zu einem Freilandmuseum gemacht. Statt Einblicke in die Festival-Atmopshäre, gibt es seit  Jahren nur Lipgloss, Fransen, Sonnenuntergänge. Das langweilt mich zutiefst. Irgendwann merken hoffentlich alle, dass sie hier nur eine Show zu sehen bekommen. Die Zeichen dafür häufen sich schon: Für das zweite Coachella-Wochenende sind noch Karten verfügbar. Vor einigen Jahren waren alle Karten schon in der ersten Stunde ausverkauft. Also: Wer ein bisschen Kleingeld übrig hat – hier ist eure Chance. Spannender als die Einblicke auf eurem Instafeed wird das wohl alle mal.

Beitragsbild: Unsplash 

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