So laut sind Minderheiten in Sozialen Netzwerken

168 Menschen prägen das politische Geschehen in den sozialen Netzwerken Maßgeblich. Doch sie sind weder Forscher noch Politiker. Sie sind „heavy User“ und verfassen täglich zwischen 25 bis zu 197 politische Posts in den Sozialen Medien. Damit machen sie über zehn Prozent der politischen Diskussion in den Netzwerken aus.

Wenn man sich durch die sozialen Medien klickt, glaubt man, dass dort alle Nutzer ihre Meinung mitteilen. Doch meistens ist das nur eine sehr kleine und laute Gruppe. 168 Nutzer sozialer Medien schreiben mehr als zehn Prozent der politischen Onlinebeiträge, wie aus einer Studie der Analyseplattform Alto Analytic hervorgeht. Sie posten mindestens 25 Beiträge pro Tag. In einigen Fällen können es sogar bis zu 197 politische Beiträge pro Tag sein. Deswegen werden sie auch „heavy User“ genannt.  Die Studie zeigt, dass das Meinungsbild in sozialen Netzwerken offenbar stark verzerrt wird. Mit einem selbst entwickelten Algorithmus hat Alto Analytic drei Monate lang 9.650.000 Beiträge von über 750.000 Autoren ausgewertet.

Wenn eine kleine Gruppe die öffentliche Debatte bestimmt, wirkt sich das immer negativ auf den Diskurs aus

Prof. Dr. Emanuel Richter

Eigentlich um den politischen Diskurs zur Europawahl in Deutschland auszuwerten. Jedoch ging es in den analysierten Posts häufig nicht um die Wahl oder um politische Forderungen, sondern vor allem um die Partei Alternative für Deutschland (AfD). Fast die Hälfte aller Posts beinhalteten Schlüsselworte und Hashtags, die in Verbindung mit dieser Partei stehen. Dabei wird aber nicht zwischen Kritik und Unterstützung unterschieden. Zum Vergleich: Andere politische Parteien, nationale Probleme und der Europawahlkampf werden insgesamt nur in rund einem Viertel der analysierten Posts erwähnt. Ein Grund dafür sind unter anderem die heavy User. Diese sind zu 76 Prozent Unterstützer der AfD.

Etablierte Parteien und Medien in der Verantwortung

Emanuel Richter ist Professor für Politikwissenschaft mit Fokus auf Demokratietheorie an der RWTH Aachen. Hinsichtlich des Fokus auf die AfD sieht er die Vertreter anderer politischer Ideologien und die übrigen Parteien in der Verantwortung. „Anders politisch orientierte müssen dagegenhalten. Gerade die etablierten Parteien müssen sich mehr auf sozialen Medien einbringen, um den Populisten kein Monopol zu überlassen“, so der Politikwissenschaftler. Laut Alto Analytics wird die AfD aktuell durch Beiträge von 127 heavy Usern unterstützt. Sie verbreiten die politische Ideologie der AfD in den sozialen Medien. Allein diese Nutzer haben etwas weniger als 500.000 Posts in den letzten drei Monaten veröffentlicht. Das sind durchschnittlich über 5.500 Posts pro Tag.

Aber Richter sieht zum Teil auch die klassischen Medien in der Verantwortung für den Fokus auf der AfD: „Der Auftritt der AFD in den sozialen Medien ist einfach clever. Außerdem gibt man der AFD auch in den etablierten Medien zu viel Öffentlichkeit. Die Europawahl ist keine Schicksalswahl. Die Populisten kriegen zwar mehr Stimmen, werden aber nicht mehr als um die 25 Prozent bei der Wahl bekommen. Diese Panikmache könnte Leute erst recht zu einem Protestwahlverhalten anregen.“

Die online Debatte wird verzerrt

Auch auf der Facebookseite der AfD ist die Aktivität der Nutzer vergleichsweise sehr hoch. Bundesweit gefällt die Facebookseite der AfD über 450.000 Leuten, trotzdem hat die Partei nur 92 Sitze im Bundestag. Bei der CDU sind es etwas mehr als 185.000 Gefällt-mir-Angaben auf der Facebookseite, dafür sitzen im Bundestag 246 Mitglieder der Fraktion, also weit mehr als doppelt so viele wie bei der AfD. Auf Twitter sind die rechtsorientierten ebenfalls ziemlich aktiv. In der Studie wurden 232.000 aktive Nutzer mit über vier Millionen retweets nach politischen Gruppen sortiert. Die linke Gruppierung macht 37 Prozent der Nutzer aus und rund 34 Prozent der retweets. Die Piraten Partei stellt etwa ein Viertel der Nutzer, beansprucht aber nur etwa 9 Prozent der retweets. Die AfD Unterstützer sind mit nur etwas mehr als 10 Prozent der Nutzer aber mit über 46 Prozent der getätigten retweets auch hier die aktivste Gruppe. „Wenn eine kleine Gruppe die öffentliche Debatte bestimmt, wirkt sich das immer negativ auf den Diskurs aus.“, kommentiert Richter die Verzerrung in der online Diskussion.

Doch der Vorstoß der AfD-Unterstützer im Internet hört nicht beim Teilen ihrer eigenen Beiträge auf. Auch beim Teilen von Artikeln dominieren sie bei einigen etablierten Medien. Artikel von Welt, Focus und Bild wurden im von der Studie untersuchten Zeitraum zu über 70 Prozent von AfD-Unterstützern in sozialen Netzwerken geteilt. Das Teilen der Beiträge erzeugt eine Außenwirkung: „Das Teilen durch eine spezielle politische Gruppe schadet der Objektivität, aber man muss berücksichtigen, dass der Medienbeitrag selbst auch eine Wirkung hat.“ Wenn man etwas gegen die Verzerrung der online Debatte tun möchte, gibt es für Richter nur einen Weg: „Man muss seine Nüchternheit bewahren und selbst aktiv werden“.

Grafik: Juri Bürgin

Beitragsbild: freestocks.org on Unsplash

 

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