Profitgier statt Teilen: Viele Sharing-Angebote verfehlen ihren Sinn

Leben in der Großstadt: Alles schön und gut – wäre da nicht das Problem der ewigen Parkplatzsuche. Hat man einmal einen gefunden, gibt man ihn auch nicht so schnell wieder her. Wie gut, dass es E-Scooter und Carsharing gibt. Das eigene Auto kann an Ort und Stelle stehen bleiben und ich komme trotzdem problemlos von A nach B. Mit Teilen, wie es das Carsharing im Namen suggerieren will, hat das aber wenig zutun. Stattdessen geht es am Ende darum, mehr zu haben. Ob sich das die klugen Köpfe hinter der Idee des Teilens so gedacht haben?

Carsharing ist ein beliebtes Beispiel, welches oft angeführt wird, wenn es um das Thema Sharing-Economy geht. Wir teilen uns Autos, also warum sollte das nicht nachhaltig sein?

Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt und immer mehr Menschen nutzen die Angebote. Gab es 2008 gerade mal knapp 100.000 registrierte Carsharing-Nutzer in Deutschland, so waren es 2018 über zwei Millionen.  Gerade in Großstädten sehen immer mehr Menschen ein, dass es weitaus mehr Sinn macht, ein Auto zu teilen.

Aber die Sache hat einen Haken. Auf das eigene Auto wird trotzdem nicht verzichtet, ganz im Gegenteil: In großen Ruhrgebietsstädten wie Bochum oder Dortmund steigt die Zahl der zugelassenen Pkw sogar.

Wie viele PKWs sind in Dortmund und Bochum zugelassen?

Jahr Dortmund Bochum
2017 279.727 192.217
2018 283.881 196.357
2019 288.686 200.829

Quelle: Stadt Dortmund/Stadt Bochum

Sharing-Economy fördert Kleinkapitalismus

Die Idee der Sharing-Economy, die in den 1970ern in England geboren wurde, hatte doch eigentlich ein ganz klares Ziel: Nachhaltigkeit. Wörtlich übersetzt heißt der Begriff „Wirtschaft des Teilens“ und bezeichnet die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern durch Teilen, Tauschen, Leihen, Mieten oder Schenken sowie die Vermittlung von Dienstleistungen.

Damals ging es schlicht und ergreifend um Mitfahrgelegenheiten, also darum andere Menschen mit zur Arbeit, in die Stadt oder sonst wo hinzunehmen. Diese wiederum ließen ihr eigenes Auto – sofern sie eins hatten – dafür stehen.

Heute ist der Begriff zumeist anders geprägt. Wir teilen unser Hab und Gut nicht mehr im Sinne der Nachhaltigkeit, nein: Wir teilen, um damit Profit zu machen.

Die Auswirkungen sind alles andere als nachhaltig: Regelmäßiges Carsharing geht zu Lasten von Bus und Bahn. Es wird als komplementärer Service zum Besitz eines Pkw gesehen.

Der Mythos: E-Scooter

Ähnlich ist es mit den E-Scootern: Die Roller ersetzen das Fahrrad, den Weg zu Fuß und den öffentlichen Nahverkehr. Also alles, was sowieso schon nachhaltig und ressourcenschonend ist. Die Fahrt mit dem eigenen Auto ersetzen sie nicht.

Der Mythos einer Sharing-Economy wird in der Mobilität gelebt, wie sonst in kaum einem anderen Bereich. Das belegt auch eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums: Der Markt in Deutschland wachse, sei aber gleichzeitig auch relativ unübersichtlich, da Inserate auf diversen (auch allgemeinen) Anzeigenportalen geschaltet würden. Gäbe es die Angebote gebündelt auf einer Plattform, wäre das nicht nur deutlich  kundenfreundlicher, es wäre auch wesentlich nachhaltiger und würde die Ansprüche einer Sharing-Economy wenigstens in Teilen erfüllen.

Trotzdem kommen die Sharing-Angebote gut bei den Nutzern an, weswegen die Anbieter in immer weitere Märkte vordringen: Wohnungen werden geteilt, Bürogebäude, und in China sogar Basketbälle und Regenschirme.

Auch St. Martin hat seinen Mantel geteilt

Dennoch: Die ursprüngliche Idee des Teilens ist irgendwo auf dem Weg verloren gegangen. Sharing-Angebote sind keine Vorreiter eines neuen Ökonomie-Zeitalters, sondern ganz normale Geschäftsmodelle, die auf Wachstum ausgerichtet sind. Der Gedanke der Nachhaltigkeit spielt eine geringere Rolle, wird aber gerne als guter Vorsatz vorgeschoben, um gutes Licht auf sich selbst zu werfen.

Wir teilen zwar, aber verlangen dafür auch eine Gegenleistung – in den meisten Fällen Geld. Wir versuchen aus allem, was wir zuhause finden können, Profit zu schlagen.

Dabei beruht die ursprüngliche Idee des Teilens auf anderen Grundsätzen, so die Historikerin Luise Tremel. Teilen werde zu gutem Teilen, wenn erstens weniger Ressourcen verbraucht werden und zweitens, wenn Teilen mehr menschliche Begegnungen schafft. Außerdem soll es denjenigen Zugang zu Waren, Arbeit und Dienstleistungen ermöglichen, die diesen Zugang sonst nicht hätten.

Statt am eigenen Profit sollten wir uns zukünftig an diesem eigentlichen Grundsatz des Teiles orientieren. So wie es in der Legende schon der heilige St. Martin gemacht hat. Schließlich hat er seinen Mantel auch richtig geteilt und nicht nur stundenweise vermietet.

Beitragsbild: Pixabay/Christian_Bueltemann

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