Zwischen Traum und Realität – Leben mit Schlafparalyse

Justin will schreien. Doch er kann nicht. Er fühlt sich, als sei ihm die Luft abgeschnürt worden. Es ist zwei Uhr nachts. Der damals 14-Jährige liegt in seinem Bett im dunklen Kinderzimmer. Er will einen Arm bewegen. Keine Chance. Den Kopf drehen, einen Finger rühren. Nicht möglich. Justin will fliehen, denn er scheint nicht allein im Raum zu sein.

Am Fußende seines Bettes vermutet er die Umrisse eines Mannes. Justin meint, darin seinen Vater zu erkennen. Der Mann spricht nicht, er bewegt sich nicht. Und Justin kann nichts tun, die Lähmung hält an. Dann ein Muskelzucken in seinem Körper. Die Lähmung löst sich. Justin knipst das Licht auf seinem Nachttisch an. Er atmet auf: Justin ist allein. Allein mit einem Stuhl voller Wäsche am Ende seines Bettes.

Was erlebt Justin hier?
Dieses Phänomen nennt sich „Schlafparalyse“ – auch Schlafstarre oder Schlaflähmung genannt. Dabei kommt es zu einer Verschiebung der Schlaf- und Wachphase. Der Körper ist noch „gelähmt“, obwohl die Sinne schon wach sind. Auch Halluzinationen sind nicht unüblich bei Schlafparalysen.

Dieser Schreckmoment, den Justin beschreibt, ist zehn Jahre her. Er erinnert sich so genau daran, als wäre es gestern gewesen. „In so einem Moment will man einfach nur weg. Egal wohin, Hauptsache weg“, sagt der große, dunkelhaarige Lehramtsstudent mit dem schwarzen Kapuzenpullover. Es war nicht die erste Nacht, in der Justins Körper wie gelähmt war und sein Gehirn halluzinierte. Und auch nicht die letzte. Bis heute erlebt er regelmäßig das Phänomen, das sich Schlafparalyse nennt.

Anfälligkeit für Schlafparalyse

Studierende sind die zweitanfälligste Bevölkerungsgruppe für Schlafparalysen, haben die US-Forscher Brian A. Sharpless und Jacques P. Barber in Untersuchungen mit 36.500 Personen herausgefunden. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Studierende mindestens einmal in ihrem Leben eine Schlafparalyse erleben, bei rund 28 Prozent. Bei psychisch Erkrankten sind es knapp 32 Prozent.

Quelle: US National Library of Medicine National Institutes of Health

Max Fuhrmann und Gerhard Mayer vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg beschreiben Schlafparalysen in der Zeitschrift für Anomalistik als universelles Phänomen, das „unabhängig von Zeit, Ort und Kultur auftritt“. Trotzdem hätten viele Betroffene noch nie davon gehört und würden sich demnach nicht damit auseinandersetzen.

Justin brauchte Jahre, bis er erfuhr, dass es für seine nächtlichen Erlebnisse einen Namen gibt – und, dass Schlafparalysen mehr sind, als einfach nur schlecht geschlafen zu haben.

Wenn das Tor von „Schlaf zu Wachsein“ geschlossen werden muss

In seiner bisher schlimmsten Nacht glaubte Justin mehr als 30 Mal, in der Schwebe zwischen Wachsein und Schlaf gewesen zu sein. Er beschreibt diese Erfahrung als „die endlose Nacht“: „Ich bin immer wieder wach geworden, kurz danach direkt wieder eingeschlafen und dann ging es wieder von vorne los.“

Dass der Körper während des Schlafens gelähmt ist, ist völlig normal. Diese Lähmung der Muskeln ist überlebenswichtig für Menschen, damit sie sich im Schlaf nicht bewegen. Träumt man zum Beispiel davon, von einer Klippe zu springen, darf sich diese Handlung nicht auf die Realität übertragen. Sonst würde man ständig aus dem Bett fallen.

Dr. med. Riccardo Stoohs von der somnolab Klinik in Dortmund beschäftigt sich mit Schlaftherapie. Fotograf: Simon Jost

Zum Phänomen Schlafparalyse kommt es, wenn die Lähmung durch äußere Einflüsse anhält, obwohl die Wachphase schon eingesetzt hat. Riccardo Stoohs von der Dortmunder somnolab Privatklinik für Schlaftherapie sagt: „Das ist wie ein Tor von Schlaf zum Wachsein, das geschlossen werden muss.“

Bei einer Schlafparalyse ist der Übergang vom REM-Schlaf – also der Schlafphase, in der besonders lebhafte Träume vorkommen – hin zum Wachsein verschwommen. Die Betroffenen erkennen zwar durch das Wachwerden ihre Umgebung, übernehmen jedoch ihre Traumerlebnisse mit in den Wachzustand. Zudem können die Nervenzellen des zentralen Nervensystems beeinflusst werden, sodass der Körper auch für einen kurzen Moment in der Wachphase noch gelähmt ist.

Studieren als Ursache?

Die Wissenschaft ist sich uneinig, warum Schlafparalysen entstehen. Stress, ein unregelmäßiger Schlafrhythmus, grundlegende Veränderungen im Leben oder ein starker Koffein- oder Alkoholkonsum könnten Ursachen sein. Für Stoohs ist das, mit Blick auf die Betroffenen, plausibel: „Da Schlafmangel und Stress häufig in der Studienzeit vorkommen, ist es nicht abwegig, dass Studierende so anfällig für Schlafparalysen sind.“

Justin nimmt sein Studium nicht als Stress wahr. Doch könne er nachvollziehen, dass die Uni bei vielen zu Unsicherheit führe: „Bei Kindern und Jugendlichen wird der Alltag von den Lehrern und Eltern bestimmt. Das Studium hingegen ist eine Phase, in der die meisten jungen Erwachsenen sich viel mit sich selbst beschäftigen: Wie bezahle ich am Ende des Monats meine Miete? Schaffe ich mein Studium? Wie kann ich ein erfülltes Leben führen?“

Woher die Schlafparalysen bei ihm selbst kommen, weiß Justin nicht genau. Er beobachtet, dass sie vor allem dann auftreten, wenn er mit vielen negativen Gedanken ins Bett geht:

„Wenn ich mich in mein Gedankenkarussell hineinsteigere, fühlt es sich an wie ein tiefes Wasserbad, aus dem ich nicht mehr herauskomme.“

Aufarbeitung durch Musik

Justin Jenderny mit seiner Band „Joker’s Kingdom“. Fotograf: Simon Jost

Justins Ventil ist die Musik. Jeden Donnerstag trifft er sich mit seiner Band „Joker’s Kingdom“ zur Probe. Im Proberaum der Alternative-Rockband ist Platz für zwei Schlagzeuge, Mikros, Gitarren, große Boxen und Verstärker.

Als erstes spielen die vier Musiker den Song „Gravity“. Den hat Sänger und Gitarrist Justin geschrieben, um das zu verarbeiten, was er durch die Schlafparalysen in vielen Nächten erlebt. Gefolgt von einem Intro aus lauten Schlagzeugklängen und rockigen Gitarrenriffs singt er: „Eyes closed, shut down. Feet in the air, head on the ground. Can you feel the world? It’s shaking! Gravity’s awakenin’.“

Seine Schlafparalysen nennt er im Refrain „my little sadistic fairytale“, sein eigenes grausames Märchen. Die Musik hilft Justin, seine Schlafprobleme zu vergessen: „Mit Gravity konnte ich die Zeit aufarbeiten, in der ich besonders viele Schlafparalysen hatte.“

Hier gibt es „Gravity“ zu hören:

 

Schlafparalyse als Alltagsphänomen – nicht als Krankheit

Medizinische Therapien brauchen Schlafparalytikerinnen und -paralytiker nicht. Schlafwissenschaftler Stoohs sagt: „Auch wenn Schlafparalysen natürlich Angst machen: Sie sind nichts Krankhaftes.“ Deshalb gibt es keine Medikamente dagegen. Selbst dann nicht, wenn wie bei Justin starke Halluzinationen auftreten. Die hat Justin noch heute, allerdings erscheinen ihm keine Schattenmenschen mehr. Stattdessen höre er einen immer lauter werdenden bedrohlichen Ton, wie ein „Jumpscare in einem Horrorfilm“.

Da er schon seit einigen Jahren weiß, dass es sich bei seinen nächtlichen Erlebnissen um ein Alltagsphänomen handelt, beeinflussen sie ihn nicht negativ in seinem Alltag. Außerdem ist sich Justin den meisten Schlafparalysen bewusst:

„Mein Geist ist schon wach, aber mein Körper ist noch gelähmt.“

Seitdem er sich mit dem Phänomen auskennt, hat er auch keine Angst mehr davor.

75 Prozent aller Schlafparalysen enthalten laut Wissenschaftlern der Universität Oxford Halluzinationen. Bei visuellen Halluzinationen sehen die Betroffenen Schattenmenschen, geometrische Figuren oder Geister. Oft werden sie scheinbar von Verwandten oder tierähnlichen Wesen besucht. Bei taktilen Halluzinationen gibt es Erfahrungsberichte von Druck auf dem Brustkorb, Gefühlen des Erwürgtwerdens sowie Hitze oder Kälte. Bei akustischen Halluzinationen haben viele das Gefühl, dass sie sich nähernde Schritte hören.

Stoohs empfiehlt Betroffenen, ein Schlaf-Tagebuch zu führen: Darin könnten sie notieren, wie sie sich beim Zubettgehen gefühlt haben und wie anschließend der Schlaf war. „So lässt sich eingrenzen, unter welchen Umständen es zu Schlafparalysen kommt.“ Betroffene sollten ebenso ihren Koffein- und Alkoholkonsum verringern, rät Stoohs.

Der richtige Umgang mit Schlafparalysen

Auch durch das Schlafen auf der Seite oder auf dem Bauch würden sie eine Schlafparalyse verhindern können. Denn diese tritt beim Schlafen auf dem Rücken drei bis viermal häufiger auf, schreibt der Doktorand der kognitiven Neurologie und Forscher beim Sleep Paralysis Project Daniel Denis in einem Artikel für Dove Medical Press, einem britischen Herausgeber von Fachzeitschriften für Wissenschaft und Medizin.

Ein Betroffener solle sich nur Hilfe holen, wenn er sich durch die Schlafparalysen im Alltag eingeschränkt fühlt, sich vor dem Zubettgehen fürchtet oder glaubt, dass die Schlafparalyse mit einer psychischen Erkrankung zusammenhängt. Ärztliche Hilfe sei hingegen zwingend, wenn bereits eine andere Schlafstörung festgestellt worden sei, so Denis. Im besten Fall suche der Betroffene dann ein Schlaflabor auf, in dem der eigene Schlaf überwacht und analysiert werden kann.

Erfahrungen teilen und aufklären

Neben der Musik hat es Justin geholfen, seine verstörenden Erlebnisse zu verstehen, indem er sich damit auseinandergesetzt hat. Im Internet hat er nach dem Begriff „Schlafparalyse“ gesucht und einen Dokumentationsfilm zum Thema angesehen. Er plant, seine Erfahrungen zu teilen – auch, um aufzuklären.

Das will er zum Beispiel in seinem Podcast „Vetternwirtschaft“ tun: Eigentlich spricht er hier mit seinem Cousin Dominic vor allem über unnützes Wissen und Filmtipps. „Doch in der nächsten Folge wollen Dominic und ich über meine endlose Nacht und das Phänomen Schlafparalyse sprechen.“

 

Beitragsbild: Magnus Terhorst

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