Mit Raab und „Gottschi“ auf Zeitreise: Fernsehlandschaft rudert Jahre zurück

Wer in der vergangenen Woche den Fernseher angeschaltet hat, dürfte sich in die Zeit um die Jahrtausendwende zurückversetzt gefühlt haben. Sowohl “Wetten dass…” als auch “TV Total” sind zurück. Fortschritt und Innovation in der Fernsehlandschaft sehen anders aus, findet Autor David Sander. 

Intro

Ein auslaugender Tag im Blockseminar liegt hinter mir. Es ist Samstagabend, 20:15 Uhr: Völlig erschöpft sinke ich auf die Couch nieder. Meine Hand findet ein seltsames, rechteckig-längliches Utensil. Das ist nicht die schlanke, passgenaue Form meiner Smart-TV-Bedienung. Das hier ist anders, sperrig, gröber; gehörig zu einem Medium, dass für mich nur noch ein Relikt vergangener Tage ist: das Fernsehen. Mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen schalte ich die Mattscheibe an und zappe wie ein Großväterchen im Spätrentner-Modus ziellos durch die Kanäle. Ich bleibe beim ZDF hängen. Ein hochbetagter Thomas Gottschalk grinst mir entgegen. Die meinen es aber ernst mit den Gummibärchen, dass er zur Primetime dafür werben darf, denke ich mir und will gerade weiterschalten, als ich ein altbekanntes Logo im Hintergrund ausfindig mache: Wetten WAS…?!

Ich dachte eigentlich, Ex-Show-Host Markus Lanz hätte das Format bereits 2014 in den Ruin moderiert. Sternstunden wie sein Cringe-Interview mit dem 2010 bei einer Wette tragisch verunglückten Samuel Koch spielen sich vor meinem inneren Auge ab: „Wie ich sehe, hast du nicht nur deinen Humor verloren“, wirft Sir Lanzelot von Unsympazien dem querschnittsgelähmten Koch an den Kopf. G-Lanz-Leistung.

Interviews, bei denen sich die Zehennägel hochrollen. Wetten, die sich an Unterhaltungswert regelmäßig unterbieten und inmitten dessen wieder Thomas Gottschalk, der mittlerweile seinen fünften Frühling in der deutschen Medienlandschaft erlebt. Beim Gedanken daran stellt sich mir unweigerlich die Frage: Wer ist Schuld am aufgewärmten Schund, der sich gerade auf meine Netzhaut brennt – und vor allem was soll das bezwecken?

Lieber altbewährt statt neu und innovativ

Um zu verstehen, wie sich „Wetten dass…“ nach Absetzung wieder in die TV-Landschaft geschlichen hat, muss man sich zuerst mit dem Publikum vertraut machen. Schaut man sich zum Beispiel eine Statistik von Media Control an, wird schnell klar: Die „Boomer“ kontrollieren den Fernsehmarkt. Insbesondere das ZDF hat mit Zuschauer*innen, die durchschnittlich 60 Jahren alt sind, den höchsten Altersschnitt aller deutschen Fernsehsender.

Auch bei anderen Sendern, sogar den Privaten, ist der Altersdurchschnitt weit jenseits der 20. Trotzdem versucht man scheinbar lieber Frührentner*innen und Senioren zurückzugewinnen, wenn man ein Format wie „Wetten dass…“ wiederbelebt. Die Alternative, neue Wege zu gehen und zur Abwechselung einmal über den eigenen Tellerrand zu schauen, ist scheinbar zu riskant. Kein Wunder, dass das junge Publikum sich abwendet. 2011 guckten die 20 bis 29-Jährigen noch durchschnittlich eine halbe Stunde länger Fernsehen täglich als 2017.

Die Gründe liegen für auf der Hand: Formate haben Fans. Und die werden nicht jünger. Shows wie „DSDS“ oder „Das Supertalent“ laufen fast länger als Millennials sprechen können und das Publikum altert mit. Die Privatsender können mit Streaming-Plattformen nicht mehr konkurrieren. Stattdessen stützen sie sich händeringend auf ihre altbekannten Formate, egal wie ausgelutscht oder dilettantisch sie sind. Um die Einschaltquoten wieder zu steigern, ist es auch natürlich viel bequemer, Dieter Bohlen oder Thomas Gottschalk zum zwanzigsten Mal aus der Requisiten-Abteilung zu kramen, als innovativ zu sein.

Quotenpeaks bei Premieren sind keine Qualitätsmerkmale

Das ZDF setzte letzten Samstag mit „Wetten dass…“ den ersten Fuß in die Zeitkapsel des Rückschritts und Pro Sieben zog diese Woche mit einer Neuauflage von „TV Total“ nach. Der Sender katapultierte sich ebenfalls “Zurück aus der Zukunft” in die Annalen der TV-Geschichte. Die Quoten geben den Ausstrahlungen erstmal recht. „Wetten dass…“ erreichte zum Beispiel rekordverdächtige 14 Millionen Zuschauer*innen. Allerdings ist die erste Sendung nicht besonders aussagekräftig, wie man an Sir Lanzelots glanzvoller Bilanz erlesen kann, der bei seiner ersten Sendung auch an der 14-Millionen-Marke kratzte.

Die Kontinuität ist auch bei „TV Total“ das Salz in der Suppe. Statt Stefan Raab, der nur noch hinter den Kulissen produziert, hat Entertainer Sebastian Pufpaff nun das Moderationszepter verliehen bekommen. Pufpaffs aalglatte Süffisanz passt auf den ersten Blick wie geschmiert zu den typisch fiesen “TV Total”-Sprüchen, die früher aus Raab hervorsprudelten. Allerdings bleibt abzuwarten, ob Pufpaff mit Extrembotanikern, aufstrebenden Internetpersönlichkeiten oder Stars wie Kylie Minogue oder Eminem genauso locker umgehen kann wie Raab früher. Auch Formate wie „Raab in Gefahr“ bei denen der Ex-Moderator elfengleich auf Kamelrücken ritt oder bei McDonalds am Drive-In entnervte Kunden ihre Bestellung singen ließ, werden für den etwas eleganter daherkommenden Pufpaff eine Herausforderung.

 

Abspann

Fürs Erste hat mir die Premiere mit Pufpaff am Steuer aber doch ganz gut gefallen. Er moderiert ab, die hauseigene Band „Heavytones“ spielt – wie früher bei Raab – einen abschließenden Tusch und die erste Folge “TV Total” seit 2015 ist passé. Ich greife zur immer noch seltsam grob anmutenden Fernbedienung und schalte die Flimmerkiste aus. Ironischerweise hat “TV Total” mir mal wieder gezeigt, warum ich eigentlich kein Fernsehen mehr gucke, obwohl die Show mich gleichzeitig dazu brachte den Fernseher nach meiner immer noch traumatisch nachhallenden Erfahrung „Wetten dass…“ vom Samstag wieder ins Visier zu nehmen. Der gewaltige Berg an Müll, den die Fernsehindustrie produziert, um Vorruheständler*innen vor dem Einschlafen zu berieseln, komprimiert zu Tage geführt von Pufpaff und seiner Redaktion, hat mich mal wieder gründlichst abgeschreckt.

Ich genieße die Ruhe, beschäftige mich noch ein bisschen mit meinem Smartphone und sinke dabei entspannt in die Kissen meiner Couch zurück. Die seltsam unhandliche Fernbedienung, der Schlüssel für die Flimmerbüchse der Pandora, ist bald vergessen und in den Untiefen meiner Kissenlandschaft versunken.
Völlig entspannt und zufrieden schlafe ich mit einem leisen Lächeln ein.

Beitragsbild: ajeet mestry / Unsplash

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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