Ist der Advent für junge Menschen noch christlich?

Am Sonntag hat die Adventszeit begonnen. Für die Christen bedeutet das die Vorbereitung auf Jesu Geburt. Aber wie christlich ist diese Zeit für Studierende heute noch? Gehen junge Menschen im Advent womöglich vermehrt in die Kirche? Oder kennen sie die alten Traditionen vielleicht gar nicht mehr?  
Vorsichtig holt der Priester das Streichholz aus der Pappschachtel hervor. Es ist dunkel im Kirchenschiff. Auf dem geschmückten Kranz aus Tanne stehen vier gleich große rote Kerzen. Mit einem kurzen Zischen entzündet der Geistige das Streichholz und hält es an den Kerzendocht. Eine lodernde Flamme tanzt in der Dunkelheit. Allmählich pendelt sich das Flackern ein und die schwache Lichtquelle zieht alle Blicke auf sich. Wie gebannt schauen die Gottesdienstbesucher*innen auf die einzelne Kerze. „Wir sagen euch an, den lieben Advent. Sehet die erste Kerze brennt. Wir sagen euch an eine heilige Zeit. Machet dem Herrn die Wege bereit“, ertönt es mit Orgelmusik aus der Gemeinde und schallt durch den Raum.
Aber wer glaubt überhaupt noch, dass diese Zeit heilig ist? Wissen Studierende überhaupt noch woher der Begriff „Advent“ stammt und was dahintersteckt? Oder ist Advent heute ein Synonym für Kommerz und Kaufsucht?

Junge Erwachsene treten häufiger aus der Kirche aus

Zahlreiche Studien belegen, dass die konfessionelle Bindung bei jungen Menschen seit Jahren an Bedeutung verliert. Laut der Studie des Forschungszentrums Generationenverträge der Albert-Ludwig-Universität Freiburg treten in Deutschland rund 20 Prozent der getauften Frauen und 30 Prozent der getauften Männer bis zu ihrem 31. Geburtstag aus der Kirche aus. Allein im Jahr 2020 haben insgesamt 221.390 Katholik*innen die Kirche verlassen – und das sind sogar noch weniger Austritte als im Vorjahr.

Kirche passt nicht zur eigenen Lebenswelt

Häufig passe die eigene Lebenswelt nicht mehr zur Kirche. „Die jungen Menschen wachsen in einer Gesellschaft auf, die bunt und vielfältig ist, wo Homosexualität anerkannt wird, wo demokratische Strukturen existieren und Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Das erleben sie in der katholischen Kirche an sehr vielen Stellen nicht und können das auch irgendwann nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren, dann Teil in dieser Kirche zu sein“, sagt Volker Andres, Diözesanvorsitzender des Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Erzbistum Köln, im Sommer in einem Interview mit Domradio.de.

Kirche nein – Glauben ja

Interessant ist, dass das Interesse in Glauben und Gott generell bei den 18- bis 29-Jährigen vergleichsweise hoch sei. Das sagt Hans-Georg Ziebertz im Religionsmonitor der Bertelsmannstiftung. Demnach bejahen 51 Prozent der Befragten, dass sie an eine höhere Macht glauben, und 34 Prozent der befragten Personen geben an, dass sie stark oder sehr stark an einen persönlichen Gott glauben. Allerdings üben nur wenige dieser Personen religiöse Praktiken aus.

Kaum junge Menschen in den Gottesdiensten

Nur noch 5,9 Prozent der Katholik*innen nehmen an den Gottesdiensten teil. Das geht aus den aktuellen Zählungen der Deutschen Bischofskonferenz hervor. Das Durchschnittsalter der Gottesdienstbesucher*innen beträgt laut einem Kurzbericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (2018) 57 Jahre. Das bestätigen auch Pfarrer Ansgar Schocke aus der Pfarrei Heilige Drei Könige in der Dortmunder Nordstadt und Pastorin Sabine Breithaupt-Schlak der evangelischen Kirchengemeinde Dortmund-Berghofen. Schocke schätzt die meisten Gottesdienstteilnehmer*innen auf 70+, Breithaupt-Schlak auf durchschnittlich 65 Jahre.

Nur wenig aktive Jugendliche in der Pfarrei der Dortmunder Nordstadt

In der Dortmunder Nordstadt sind es generell wenige Gottesdienstbesucher*innen – besonders jüngeren Alters. „Wir haben nur eine kleine Gruppe von zehn Jugendlichen, die regelmäßig die Messe besuchen und sich in unserer Gemeinde engagieren“, sagt Pfarrer Ansgar Schocke. „Viele fühlen sich in der Kirche nicht mehr wohl und kennen es auch von Zuhause gar nicht. Ohne den Rückhalt in den Familien ist es schwierig, die Jugendlichen für die Kirche zu motivieren“, meint der Pfarrer der Nordstadt. Zur Adventszeit bietet die Pfarrei Heilige Drei Könige einige Workshops und Aktionen, die unkonventionell sind. Dabei engagieren sich die Jugendlichen besonders. Beispielsweise begehen Gemeindemitglieder Heiligabend gemeinsam mit Bedürftigen und Wohnungslosen mit einem kostenlosen Festessen im weihnachtlich geschmückten Ambiente.

Vielfältige Angebote für junge Menschen in Berghofen

In der evangelischen Kirchengemeinde in Berghofen kommen auch überwiegend ältere Menschen zum Gottesdienst. Es gibt aber einige Gruppen, in denen Jugendliche und junge Erwachsene aktiv sind. An diesem Sonntag haben Jugendliche den Gottesdienst selbst gestaltet. Statt einer Predigt gab es Statements und moderne Lieder. Außerdem wurde ein Film gezeigt, den die jungen Erwachsenen produziert haben. Bei einem Adventsbasar hat eine Gruppe 3400 Euro für die Jugendarbeit in ihrer Gemeinde eingenommen, eine andere inklusive Jugendgruppe fährt zum Eisstockschießen und würden die Inzidenzwerte gerade nicht explodieren, wäre auch gemeinsames Plätzchenbacken mit einer örtlichen Bäckerei geplant. „Die Angebote werden wirklich gut angenommen, bei einem der Jugendgottesdienste samstags um 18 Uhr waren es sogar ausschließlich junge Menschen. Die Jugendlichen kommen, wenn etwas für sie getan wird“, erzählt Pastorin Sabine Breithaupt-Schlak.

Die meisten Studierenden nutzen solche Angebote nicht

Elena studiert Lehramt für Sonderpädagogik

KURT hat die Studierenden auf dem Campus der TU Dortmund gefragt, was Kirche und die Adventszeit für sie bedeutet: „Ich bin zwar zur Kommunion gegangen, weil das damals jeder gemacht hat, aber eigentlich gehe ich nie in die Kirche. Adventszeit ist für mich auch gar nichts Besonderes. Die richtige Weihnachtsstimmung kommt für mich erst Heiligabend. Vor einigen Jahren waren wir mit der Familie noch in der Messe, aber auch das machen wir jetzt nicht mehr“, erzählt Elena, die Lehramt für Sonderpädagogik studiert.

So scheint es den meisten Studierenden zu gehen. Dass das Wort „Advent“ von dem Lateinischen „adventus“ kommt und „Ankunft“ bedeutet, wissen wohl nur einige Latein-Fanatiker. Den Brauch des Adventskranz kennen viele, einige aber auch nur aus der Schule oder von Freunden. Die Adventszeit christlich zu begehen, damit können offenbar viele Studierende nichts anfangen.

 

Amelie studiert Physik.

Anders sieht das bei Physikstudentin Amelie aus. Regelmäßig geht sie zwar auch nicht in die Kirche, aber hin und wieder besucht sie den Gottesdienst dann doch. Im Januar beginnt sie, in einem Start-Up der Kirche zu arbeiten. „Bei uns in der Gemeinde können wir junge Menschen uns gut einbringen und organisieren verschiedene Aktionen im Advent. Das ist immer ein schöne Zeit mit den vielen Lichtern“, meint sie.

Erzbistum Paderborn versucht, junge Menschen für sich zu gewinnen

„Die Advents- und Weihnachtszeit ist eine geprägte und auch für junge Menschen besondere Zeit, die unterschiedlich wahrgenommen und gestaltet wird“, erklärt Benjamin Krysmann, Pressesprecher des Erzbischöflichen Generalvikariats Paderborn, auf KURT-Anfrage. Sie werde von vielen bewusst begangen. „Die inhaltlichen Zugänge junger Menschen zu Advent und Weihnachten sind wahrscheinlich so vielfältig, wie es junge Menschen heute sind. Darauf reagiert auch das Erzbistum Paderborn mit seinen kirchlichen Angeboten.“

Das Erzbistum-Paderborn hat beispielsweise das junge Glaubensportal „YouPax“ entwickelt, das jungen Menschen den Zugang zur Kirche und zum Glauben erleichtern soll.

 

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Jugendliche sind die Zukunft der Kirche

„[Die Jugendlichen] verkörpern die Zukunft der Kirche und wollen sich auch einsetzen und etwas dafür tun, dass Kirche sich verändert, aber stoßen oft auf Widerstand mit ihren Themen und Anliegen“, macht Volker Andres vom BDKJ Köln deutlich. Klar sei, dass die Kirche noch einiges bewirken müsse, um junge Erwachsene und Jugendliche wieder für sich zu gewinnen. Es gebe zwar einige gute Angebote, doch häufig seien diese der Allgemeinheit gar nicht präsent. Die Kirche müsste öffentlich mehr auf sich aufmerksam machen.

Damit sind natürlich noch lange nicht die großen Probleme der Kirche wie die Missbrauchsskandale gelöst. Aber mit Blick auf das hohe Durchschnittsalter der Gottesdienstbesucher*innen lassen sich die leeren Kirchenbänke in gut zwanzig Jahren nur erahnen.

Advent unabhängig vom Glauben

KURT hat auf dem Campus auch mit nicht-christlichen Studierenden gesprochen, die Weihnachten trotzdem als eine besondere Zeit empfinden: zum Beispiel drei Muslima, die untereinander im Freundeskreis wichteln. „Weihnachten feiern wir zuhause nicht. Aber trotzdem finde ich diese Zeit sehr schön und besinnlich. Ich treffe mich mit den Menschen, die ich liebe und überlege mir Geschenke“, erzählt eine der jungen Frauen. „Für mich bedeutet Weihnachten Nächstenliebe und Geschenke verteilen“, sagt eine Atheistin vor der Mensa. Unabhängig von Konfession und Glaube scheint der Advent für alle Studierende eine besinnliche Zeit zu sein, eine Zeit des zur Ruhe Kommens – egal, ob mit oder ohne Gott.

 

Beitragsbilder: Ellen Waldeyer

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