Geldpolitischer Alleingang: EZB hebt Zinsen nicht an – was sind die Folgen?

Die EZB hat Donnerstag (16.12.) beschlossen, dass sie weiter bei ihrer lockeren Geldpolitik bleiben will. Sie hält daran fest, dass die momentan um sich greifende Inflation lediglich ein vorübergehendes Problem sei. Mittlerweile steht sie damit fast alleine da.

Neben der angespannten Lage in der Ostukraine und der besorgniserregenden Omikron-Variante des Coronavirus machen gerade vielen die steigenden Preise zu schaffen. Allein im letzten Halbjahr stieg etwa der Gaspreis um mehr als vier Prozent. Benzin wurde um fast acht Prozent teuer. Im Schnitt verteuerten sich die Verbraucherpreise seit Jahresanfang um mehr als fünf Prozent. Was das für euren eigenen Kontostand bedeutet, könnt ihr hier ausrechnen. Das Phänomen trägt einen Namen: Inflation.

Inflation - was ist das?
Mit Inflation oder auch Teuerung ist ein Anstieg des Preisniveaus gemeint. Das Preisniveau wiederum besteht aus den Kosten, die ein Haushalt zum Leben braucht, also etwa Lebensmittel, Wohnen, Heizen, Mobilität und Freizeit. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Inflation als „einen anhaltenden Prozess der Geldentwertung, der sich durch allgemeine Preiserhöhungen bemerkbar macht.

Eine ausführliche Erklärung findet ihr in unserem Instagram-Beitrag.

Reaktion auf steigenden Inflation – Fachleute uneinig

Einige halten die Inflation für eine vorübergehende Erscheinung – bedingt durch die Ausnahmesituation Pandemie. Die Wirtschaft war zeitweise gelähmt. Dieses Jahr ist sie wieder in Schwung gekommen und dieser Schwung treibe die Preise vor sich her, heißt es sinngemäß von der Europäischen Zentralbank (EZB). Das Ganze würde sich bald aber wieder beruhigen. EZB-Chefin Christine Lagarde meinte dazu bereits im Sommer: „Die Inflation dürfte kurzfristig hoch bleiben, aber sich im Lauf des kommenden Jahres abschwächen.“

Andere, wie etwa der scheidende Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, mahnten hingegen stets, die Gefahr einer sich verfestigenden Inflation nicht zu unterschätzen. Die Lage sei diffus. Die Prognosen gehen auseinander. Die EU-Kommission rechnet mit anhaltendem Inflationsdruck, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht davon aus, dass dieser schon bald wieder abnehmen würde. Entscheidend ist, wie die Europäische Zentralbank mit dem Problem umgeht. Denn ihr Hauptauftrag ist die Sicherstellung der Preisstabilität.

EZB beeinflusst Wirtschaft auch über den Leitzins

Wie können Zentralbanken die Wirtschaft beeinflussen? Das funktioniert vor allem über den sogenannten Leitzins, so beschreibt es beispielsweise das Bundesfinanzministerium. Den bestimmen die Zentralbanken. Der Zins ist der Preis für geliehenes Geld. Ist er hoch, spricht man von strenger Geldpolitik. Es wird mehr gespart, gleichzeitig sind Kredite teuer. Damit kann eine Zentralbank bei einer gut laufenden Konjunktur „auf die Bremse treten“. Setzt die Zentralbank den Zins niedrig, spricht man von lockerer Geldpolitik. Sparen ist nicht so attraktiv, aber Kredite sind günstiger. So kann in Krisenzeiten, wie etwa während des Lockdowns, die Konsumlust stimuliert und der Weg aus der Krise erleichtert werden.

Etwas bildlicher erklärt: Eine bekannte Analogie in der ökonomischen Fachwelt ist die des Kutschers: Dieser lässt die Zügel locker, weil die Pferde müde sind und nur langsam den Weg entlang schreiten. Mit der Zeit erholen sie sich aber und nehmen wieder Fahrt auf. Der Kutscher freut sich zunächst darüber und lässt die Zügel weiter locker. Doch die Pferde werden immer schneller und schneller. Bei vollem Galopp wird ihm klar, dass es ein Fehler war, die Zügel so lange locker zu lassen. Doch wenn er sie jetzt schlagartig anzieht, droht er vom Kutschbock zu fallen.

Der Kutscher ist die Zentralbank, die Zügel der Leitzins und die Pferde die Inflation. Zurzeit traben die Pferde noch. Die EZB geht momentan davon aus, dass sie nach einiger Zeit ganz von allein wieder müde werden.

EZB trifft wegweisende Entscheidung

EZB-Chefin Christine Lagarde Foto: EZB

Die Zinsen wird sie nicht anziehen. Das verkündete Lagarde am Donnerstag (16.12.) in einer Pressekonferenz. Die EZB begibt sich mit dieser Strategie allerdings ins Abseits. Die US-Notenbank Fed, die Bank of England und Norwegische Zentralbank haben alle die Zinsen bereits angehoben. Zwar korrigierte die EZB zuletzt ihre Inflationsprognose für nächstes Jahr von 1,7 auf 3,2 Prozent und lässt das pandemiebedingte Notfallprogramm „PEPP“ im März auslaufen, an der lockeren Geldpolitik wird sie allerdings festhalten.

Was wenn die EZB als einzige Recht hat?

Henrik Müller, Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU-Dortmund hält das Ganze für ein Spiel mit vielen Unbekannten. Zur Außenseiterrolle der EU-Geldpolitik zieht er eine historische Parallele: „Auch in den 70er Jahren gab es einen internationalen Inflationszug, von dem sich selbst Deutschland mit einer strikten Geldpolitik nicht vollständig abkoppeln konnte“, so Müller. Das spreche dafür, dass die anderen Notenbanken ihren Zinserhöhungskurs relativ schnell verlassen würden, sollte die Inflation bald wieder zurückgehen. Importverteuerungen und eine Abwertung des Euros blieben demnach begrenzt. Darüber hinaus könne es dem Ansehen der EZB nutzen, falls sich ihre Vorhersagen bewahrheiten sollten.

Und wenn es nicht so kommt?

„Für den Fall, dass die Inflation nachhaltig hoch bleibt, wiegt der Reputationsverlust deutlich schwerer, als ein möglicher Gewinn“, erklärt Müller. Einfach gesagt: Das Ansehen könnte stark leiden. „Dann wäre ein sprunghafter Anstieg der Zinsen möglich, verbunden mit enormen Verwerfungen an den Finanzmärkten. Also ein Crash-Szenario und steigende Zinsen wären durchaus denkbar.“

Neben der Geldpolitik sind Inflationserwartungen laut der Bundesbank ein weiterer wichtiger Faktor für den Ausgang der Situation. Glauben die Menschen, dass die Preise in Zukunft weiter ansteigen, geben sie ihr Geld demnach lieber heute als morgen aus und erfüllen damit sozusagen ihre eigene Prophezeiung.

Viele Faktoren können also die Inflation beeinflussen. Demnach bleibt abzuwarten, ob die Menschen den Beteuerungen der EZB Glauben schenken und sie wieder sinken wird.

Beitragsbild: ollo / Getty Images

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