Kaltblütiger Mord an zwei Polizist*innen – kommt das in Zukunft häufiger vor?

Am frühen Montagmorgen wurden eine Polizeianwärterin und ein Oberkommissar bei einer routinemäßigen Streifenfahrt erschossen. Die Verdächtigen flüchten, sofort startete eine Fahndung – später nimmt die Polizei dann zwei Tatverdächtige fest. Doch wie kam es dazu und werden Taten gegen Polizeiangestellte tendenziell mehr? Eine Chronologie und Einordnung.

Montag, 04:20 Uhr: früher Montagmorgen in Kusel, einer Kreisstadt in Rheinland-Pfalz. Eine junge Polizeianwärterin (24) und ein Oberkommissar (29) fahren Streife – Routine in diesem Beruf. Die beiden Polizist*innen halten einen Wagen zur Verkehrskontrolle an – ebenfalls Routine. Allerdings: Die Polizist*innen bewegen sich in einem Zivilwagen. Dann ist es untypisch, Verkehrskontrollen durchzuführen. Wieso den Polizisten der Wagen auffällt und sie ihn anhalten, ist bisher noch nicht bekannt. Bei der Kontrolle fällt den Polizist*innen aber der Laderaum des angehaltenen Autos auf. Er ist voller toter Wildtiere. Den Fund geben die beiden Beamten auch per Funk weiter.

Oberkommissar gibt 14 Schüsse ab

Nur wenige Sekunden später folgte per Funk der Hilferuf der Polizist*innen: „Kommt schnell, die schießen, die schießen.“ Später soll der Oberkommissar am Tatort 14 Schüsse abgegeben haben – ein ganzes Magazin, heißt es am Dienstag auf einer Pressekonferenz zu den Vorfällen. Die Waffe der Polizeianwärterin bleibt hingegen unbenutzt. Die Pressekonferenz wurde von der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern, dem Landespolizeipräsidium des Saarlandes und des Polizeipräsidiums Westpfalz gehalten.

Später auf der Konferenz wird gesagt, dass die Verdächtigen keine Verletzungen bei dem Schusswechsel erhielten. Lediglich das Auto sei getroffen worden. Als Verstärkung am Montagmorgen eintrifft, ist der Oberkommissar bereits nicht mehr ansprechbar. Kurz darauf stirbt er. Ihn trafen insgesamt vier Schüsse – einer davon auch in den Kopf. Die Polizeianwärterin war nach Polizeiangaben sofort tot. Auch sie traf ein Schuss in den Kopf.

07:46 Uhr: Am Montagmorgen twittert die Polizei Kaiserslautern diesen Aufruf. Die öffentliche Fahndung startet. Die Polizei sucht mit Foto und Namen nach dem Tatverdächtigen. Später weitet die Polizei die Suche auf das Saarland aus.

Tat erschüttert Anwohner*innen, Politiker*innen und Kolleg*innen

Gleichzeitig stellt die Polizei in Kusel, wo die Tat stattfand, und in Ulmet, einer Ortsgemeinde im Landkreis Kusel, Ansprechpartner*innen für die Bevölkerung vor Ort bereit. Der Fall löst nicht nur bei den Anwohnern große Betroffenheit aus, sondern auch in der Politik wie bei Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).

Vorher noch zeigte sich Malu Dreyer (SPD), rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin, auf Twitter und im SWR erschüttert. Auch Christian Baldauf von der CDU zeigte Anteilnahme und sprach sein Mitgefühl für die Hinterbliebenen aus. Durch die Tat breitet sich eine immense Betroffenheit in der Polizei aus. Am Montagnachmittag twittert die Polizei Kaiserslautern folgendes Statement:

https://twitter.com/Polizei_KL/status/1488144215729229830

17:25 Uhr: Der erste Tatverdächtige, ein 38-jähriger Mann, wird festgenommen. Er hatte seinen Personalausweis am Tatort liegen lassen und lieferte so wichtige Anhaltspunkte, um ihn ausfindig zu machen. Nach dem öffentlichen Fahndungsaufruf hatte er sich über seine Anwältin gemeldet. Eine Aussage trifft er zunächst nicht.

17:50 Uhr: Nun ist auch der zweite Tatverdächtige, ein 32-Jähriger, festgenommen. Beide Tatverdächtige wurden in Sulzbach (Saarbrücken) festgenommen. Daraufhin gibt die Polizei Kaiserslautern bekannt, dass die öffentliche Fahndung nun eingestellt sei.

Nacht von Montag auf Dienstag: Trotz der gefassten Tatverdächtigen gehen die Ermittlungen weiter, weil noch ungewiss ist, ob es weitere Mittäter gibt.

Verdächtige mittlerweile in Untersuchungshaft

Dienstag, 13:30 Uhr: Aus Sicherheitskreisen wird bekannt, dass die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in Spiesen-Elversberg (Saarland) eine Waffensammlung fand. Mutmaßlich hatte der 38-jährige Tatverdächtige Zugriff auf das Waffenarsenal. Unter den gefundenen Waffen befinden sich fünf Kurzwaffen, ein Repetiergewehr, zehn weitere Langwaffen, eine Armbrust sowie ein Schalldämpfer und Munition.

Auch beim anderen Tatverdächtigen seien Waffen gefunden worden. Der Deutsche Jagdverband gibt an, dass der 38-Jährige nicht mehr im Besitz eines gültigen Waffenscheins sei. Die zuständige saarländische Behörde haben seinen Antrag abgelehnt. Die Begründung: fehlende Zuverlässigkeit.

14:00 Uhr: Die Pressekonferenz zu den Geschehnissen findet statt. Hier wird verkündet, dass gegen die beiden Tatverdächtigen mittlerweile Haftbefehl wegen Mordes erlassen wurde. Momentan befinden sie sich in Untersuchungshaft. Der 32-Jährige habe in der Befragung eingeräumt, dass die beiden Tatverdächtigen vor der Polizeikontrolle Wilderei betrieben hätten. Selber geschossen hätte er bei der Kontrolle der Polizei aber nicht. Der 38-Jährige machte weiterhin keine Aussage.

”Am Ende bleibt die Frage, wie man jemanden so in den Kopf schießen kann – aus nächster Nähe. Das ist schon extrem.“ – Frank Neubacher, Kriminologe

Auch die Frage nach einem fehlenden sozial gefestigten Hintergrund und ökonomischer Not (Insolvenzverfahren) tauchte auf der Pressekonferenz auf. Können solche Umstände ein Tatauslöser sein? Professor Frank Neubacher, Kriminologe an der Universität zu Köln, sagt dazu: „Die ökonomische Not alleine bringt niemanden zu solch einer kaltblütigen Tat wie in Rheinland-Pfalz. Man bringt ja nicht einfach so jemanden um, nur weil man in schwierigen Verhältnissen lebt. Es muss schon ein sehr starkes Motiv gewesen sein, das die mutmaßlichen Täter dazu gebracht hat.“ Und weiter: „Es fällt jedenfalls auf, dass er Zugang zu Waffen hatte, obwohl ihm der Jagdschein entzogen worden war. Am Ende bleibt die Frage, wie man jemanden so in den Kopf schießen kann – aus nächster Nähe. Das ist schon extrem.“

Kriminologe Frank Neubacher
Frank Neubacher ist Rechtswissenschafler und Kriminologe. Als Kriminologe beschäftigt er sich mit den Ursachen und den verschiedenen Aspekten von Kriminalität. Seit 2009 ist er an der Universität zu Köln am Lehrstuhl für Kriminologie und Strafrecht beschäftigt und Direktor des Institus für Kriminologie. Schwerpunkt seiner Forschung ist der Strafvollzug.

Tödliche Angriffe bleiben Ausnahme

Die Geschehnisse in Rheinland-Pfalz erschüttern weit über das Bundesland heraus. Es gebe aber keine Anzeichen dafür, dass solche brutalen Taten tendenziell zunehmen, erklärt Neubacher: „Tödliche Angriffe sind zum Glück die absolute Ausnahme. Was schon zunimmt – gerade in den vergangenen beiden Jahren der Coronapandemie – sind gewalttätige Angriffe auf Polizisten, beispielsweise bei Demonstrationen oder anderen Einsätzen. Das Problem ist ja auch von Angriffen auf Rettungskräfte bekannt. Diese werden überwiegend von Männern mit deutscher Staatsangehörigkeit, als Einzeltäter und in alkoholisiertem Zustand ausgeführt. Solche Taten sind aber etwas ganz anderes als die Tat in Rheinland-Pfalz.“

Die ermordete Polizeianwärterin hatte ihre Ausbildung fast abgeschlossen. Im Mai hätte sie ihren Dienst begonnen – alle notwendigen Trainings hatte sie bereits absolviert. Der verstorbene Oberkommissar sei ein erfahrener Kollege gewesen, sagt Vize-Polizeipräsident Heiner Schmolzi.

Was von dem Angriff bleibt, sind vor allem Erschütterung und offene Fragen. Und ob die Polizei die Frage nach dem „Warum?“ irgendwann beantworten kann.

Beitragsbild: Foto von Jonas Augustin via Unsplash.

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