Ein aufgegebenes Land: Afghanistan unter den Taliban

Vor einem Jahr fällt der afghanische Staat wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Taliban erlangen am 15. August 2021 die Macht zurück und rufen das islamische Emirat aus. Zurück bleibt ein Land ohne Hoffnung.

Mitte August herrscht am Kabuler Flughafen Chaos. Menschen aus ganz Afghanistan stürmen das Rollfeld und klettern teilweise auf startende Flugzeuge, weil alles besser zu sein scheint, als im Land zu bleiben. Innerhalb weniger Tage bricht ein ganzer Staat zusammen und gibt der Gruppe die Macht zurück, die über 20 Jahre von westlichen Kräften und Afghan*innen bekämpft wurde.

An diesen Tagen schaut die ganze Welt entsetzt nach Afghanistan, so auch Arezao Naiby. „Ich glaube, das war das Schlimmste was passieren konnte, für alle Menschen aus Afghanistan. Es war der Alptraum.“ Arezao ist selber Afghanin und 2015 mit ihrer Familie vor den Taliban nach Deutschland geflüchtet.

Arezao Naiby flüchtet 2015 vor den Taliban nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Journalistin für WDRforyou und Monitor. Foto: Naiby

Die Bilder lassen auch sie damals fassungslos zurück. Jedoch nicht nur, weil die Taliban die Macht zurück ergreifen, sondern auch weil die Terrorgruppe dabei auf kaum Widerstand trifft. „Es war irgendwie schon klar, die Taliban kommen zurück. Aber inwiefern wusste man nicht. (…) Und dann war es sehr überraschend, dass eine Stadt nach der anderen erobert wurde.“

Der Beginn des Taliban Regimes

Als die Taliban 1996 nach jahrelangem Bürgerkrieg das erste Mal die Macht über Afghanistan ergreifen, ist Arezao gerade mal drei Jahre alt. Ihre Familie lebt damals in Masar-i-Sharif, das 1996 noch nicht von den Taliban eingenommen war. Doch es dauert nur zwei Jahre bis die Taliban auch in die nordafghanische Stadt eindringen. Arezao wird an diesen Tagen Augenzeugin eines Genozids an den Hazara, zu denen sie selber gehört.

Wer sind die Hazara?

Die Hazara sind eine vorwiegend schiitisch ausgerichtete ethnische Minderheit. Neben den Paschtunen und Tadschiken sind sie die größte anerkannte ethnische Gruppe in Afghanistan.

Im mehrheitlich sunnitischen Afghanistan haben es die Hazara laut verschiedener Medienberichten nicht leicht. Wegen ihrer Glaubensausrichtung verfolgten und töteten Taliban und der IS Menschen, die der Minderheit angehören, jahrzehntelang und tun es auch heute noch.

Noch im September 2021 gab die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch an, dass die Taliban in mehreren afghanischen Provinzen Hazara gewaltsam aus ihren Gebieten vertrieben haben , um das Land an ihre eigenen Unterstützer zu verteilen. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International dokumentiert die Ermordung von neun Hazara-Männern in der zentralafghanischen Provinz Ghazni, kurz nachdem die Taliban dort Anfang Juli 2021 die Kontrolle übernommen hatten. Auch der Terror des IS hält weiter an.

Über 15 Tage hinweg suchen und töten die Taliban männliche Hazara im waffenfähigen Alter. 15 Tage lang harrt Arezaos Familie in einem Keller aus, während ihr Vater sich in einem Brunnen versteckt. Am Ende schaffen sie in eine andere Stadt zu fliehen. Heute erinnert sie sich an die leblosen Körper und die roteingefärbten Straßen, wenn sie an ihre Flucht aus Masar-i-Sharif denkt.

Die Taliban gingen in ihrem ersten Regime unerbittlich vor. Männer mussten Bärte tragen, Musik, Tanz und Fernsehen waren verboten. Durch die Schließung von Mädchenschulen und einem Arbeitsverbot verdrängten die Taliban Frauen weitestgehend aus dem öffentlichen Leben. Wer sich nicht an die Regeln hielt, dem drohten je nach Schwere des Delikts Prügelstrafen, Auspeitschungen oder eine Gefängnisstrafe.

Der Fall des Taliban Regimes

Als amerikanische Truppen nach dem 11. September 2001 unter der Mission „enduring freedom“ in Afghanistan eindringen, lebt Arezao versteckt mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einem zertrümmerten Gebiet in Kabul. Ein Leben außerhalb des Verstecks ist nicht denkbar – die Taliban hatten es zu einem späteren Zeitpunkt doch geschafft ihren Vater zu verschleppen. Den militärischen Angriff bekommt die Familie auch aus ihrem Versteck mit: „Wir haben die Explosionen in Kabul mitbekommen, ständig Flugzeuge, die [Kabul] bombardiert haben und auf einmal waren die Taliban weg.“

Tatsächlich schaffen es die Amerikaner mit Hilfe lokaler Kräfte den Taliban-Staat innerhalb weniger Wochen zum Fall und Mitglieder der Organisation zur Flucht zu bringen. Im Dezember 2001 wird die erste Übergangsregierung eingesetzt. Ab 2004 sichert eine neue Verfassung die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Für Arezao fängt ein neues Leben an: „Es war kein gutes Leben nach dem Krieg, aber es war besser. Meine Mama konnte zur Arbeit gehen, wir konnten zur Schule gehen. Aber trotzdem gab es keine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Es gab sehr viele Unterschiede.“

Die Taliban formieren sich neu

Der Sturz des islamischen Emirats bedeutet damals aber nicht das Ende der Bewegung. Im Ausland organisieren sich die Taliban neu. 2005 gewinnt der Aufstand der Taliban wieder an Stärke. Arezao berichtet, dass sich die Lage ab 2007 merklich verschlechtert hat. „Es gab ständig Explosionen, Attacken. Zum Beispiel waren wir in der Schule, als einmal die Taliban einmarschiert sind und uns attackiert haben.“

2015 beendet die Nato offiziell ihren Kampfeinsatz in Afghanistan und zieht internationale Truppen ab, um in der neuen Mission „Resolute Support“ afghanische Streitkräfte auszubilden und zu unterstützen. Aus einem Bericht des UNHR geht hervor, dass sich im selben Jahr die Sicherheitslage verschlechtert und der Konflikt weiter aufkocht.

Die Taliban kontrollieren ab 2015 immer mehr Distrikte und schaffen es erstmals zeitweilig wieder die Kontrolle über eine Stadt, Kunduz, zu erlangen. Laut Christian Wagner, Senior Fellow in der Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, hätte man nie davon ausgehen können, dass der afghanische Staat das ganze Land regiert. „Es gab immer die Idee einer prekären Macht-Balance. Die Taliban kontrollieren das Land und die Armee und die Regierung kontrollieren die Städte.“

20 Jahre später sitzen Taliban und USA an einem Tisch

Heute kontrollieren die Taliban jedoch nicht mehr nur die ländlichen Gebiete, sondern ganz Afghanistan. Christian Wagner führt dafür unterschiedliche Gründe an.

So sei eine Schwäche die afghanische Armee gewesen, erklärt Wagner. „Es gab immer Berichte über Geistersoldaten. Das heißt man hat hier Truppen finanziert, die de facto nur auf dem Papier standen.“ Der Kollaps der afghanischen Streitkräfte habe schlussendlich zur Implosion des Sicherheitsapparates geführt. „Dass die Nato mit den verbleibenden tausenden Mann natürlich nicht in der Lage sein wird sich gegen die Taliban zu stellen –  das war quasi im Vorhinein klar.“

Als den Todesstoß bezeichnet Wagner das DOHA-Abkommen, bei welchem die USA mit den Taliban ein Abkommen unterzeichnet haben, das einen schrittweisen Abzug der Nato-Streitkräfte vorsah. Im Gegenzug versicherten die Taliban, dass von Afghanistan keine Terrorgefahr mehr ausgehe. Vertreter*innen der afghanischen Regierung nehmen damals bei den Besprechungen nicht Teil. „Die Amerikaner als engste Verbündete der afghanischen Regierung haben der Regierung damit sozusagen die Legitimation entzogen. Das war natürlich fatal.“

Auch Arezao sieht das Abkommen als entscheidenden Richtungswechsel: „In dieser Zeit war klar, dass die Ausländer Afghanistan im Stich lassen werden.“ Sie erzählt, wie ihre Familie in Afghanistan auf das Abkommen reagierte: „Immer wenn man mit denen gesprochen hat, haben die gesagt ja seht ihr, diese Ausländer sitzen jetzt am Tisch mit den Taliban und ignorieren uns. (…) Die gehen und verhandeln mit den Taliban und fragen gar nicht, was wir darüber denken.“

Afghanistan in Mitten einer humanitären Krise

Mit dem Abzug der internationalen Truppen gewinnen die Taliban immer mehr an Macht und Kontrolle über Teile Afghanistans bis sie dann am 15. August 2021 Kabul einnehmen und später das islamische Emirat ausrufen. Zunächst ist von den Taliban 2.0 die Rede. Sie sprechen von Amnestie und Frauen in der Regierung. Heute ist davon wenig bis gar nichts zu sehen.

So werden laut einem Amnesty International Bericht Frau systematisch ausgegrenzt. Es gibt weder eine Frau im Ministerium, noch ein Kabinett für Frauen. Die Taliban verweigern den Mädchen ab Sekundarschulalter den Zugang zu Bildung, während Studentinnen nach Aussagen der Organisation schikaniert und eingeschränkt werden. Das Haus darf nur noch mit einem männlichen Verwandten verlassen werden.

Neben der Taliban-Herrschaft sieht sich das Land mit einer humanitären Krise konfrontiert. Laut Wagner verschärfe das Taliban Regime die Notsituation sei aber kein Auslöser. So ist Afghanistan wegen seiner schwachen Wirtschaftsleistung seit Jahrzehnten von internationalen Geldern abhängig, die jetzt weitestgehend ausbleiben. Weiter haben Dürre und die Folgen der Corona-Pandemie eine Wirtschaftskrise ausgelöst. Laut der Weltbank ist es 70 Prozent der Haushalte nicht möglich ihre Grundbedürfnisse zu decken.

„Ich habe keine Hoffnung“

Gibt es bei einem Land, wie Afghanistan, dessen Gesellschaft von jahrzehntelangem Krieg und einem drastischen Nato-Einsatz geprägt ist, noch Hoffnung? Einen positiven Ausblick kann Wagner nicht geben: „Ich habe da wirklich leider keine guten Perspektiven, weil man nicht weiß, wo in der Gesellschaft die Weiterentwicklung herkommt.“ Eine Chance für das Land würde Wagner in einem Ausbau der Wirtschaft sehen, wenngleich dieser auch nur rudimentär sein könnte.

Auch Arezao sieht wenig Chancen: „Ich habe keine Hoffnung mehr, weil ich keine richtige Zukunft sehe, wenn die Taliban an der Macht sind.“ Dass die Taliban zeitnah durch andere bewaffnete Gruppen oder zivilen Protest gestürzt werden, ist laut Wagner genauso unwahrscheinlich, wie ein weiterer Eingriff des Westens in den nächsten Jahren.

Beitragsbild: pixabay/ ArmyAmber

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