„Meine Freundin Magersucht“

Triggerwarnung: Wenn du schlimme Erfahrungen mit dem Thema Essstörungen gemacht hast und/ oder dich Berichte und Bilder darüber belasten, dann ignoriere diesen Text oder lese diesen im Beisein einer Vertrauensperson.

Julia Steppat ist 22 Jahre alt. Sie war an Magersucht erkrankt.

Julia Steppat fand sich immer zu dick. Schon vor Eintreten der Pubertät hat sie ihren Körper ständig mit Anderen verglichen. Mit 10 Jahren machte sie ihre erste Diät. „Das war alles in meinem Kopf. Ich hatte zwar nicht Kleidergröße 36, aber ich hatte auch keine 10 Kilogramm Übergewicht“, sagt Julia heute. Ein Schulreferat über Essstörungen wurde zu ihrem persönlichen Albtraum. Sie hat in der Zeit viel über Bulimie und Anorexie recherchiert, Bücher gelesen und das Internet durchforstet. Auf vielen Homepages sei die Krankheit verherrlicht worden. Dort hat sie auch sogenannte „Pro-Ana“-WhatsApp Gruppen gefunden. Jeder der mit einer Suchmaschine umgehen kann, könne diese Gruppen relativ schnell finden. Julia hat die angegebene Handynummer angeschrieben:

Solche Gedanken werden für Julia schnell zur Normalität.

„Wie viel wiegst du jetzt? Wie viel willst du abnehmen?“, war damals direkt die Antwort. Sie muss ein Foto von sich auf der Waage in die WhatsApp Gruppe schicken, damit ihr Gewicht auch wirklich stimmt. Ein Spiegelbild in Unterwäsche. Die Person die sich hinter der Handynummer versteckt, kreist Julias vermeintliche Problemzonen auf dem Foto ein. Daran müsse sie jetzt arbeiten. Jetzt ist sie Teil der Gruppe. „Ana“, abgeleitet von Anorexia Nervosa, sei jetzt ihre Freundin. In der Gruppe gibt es strenge Regeln und Tagesabläufe; Essenschallenges, regelmäßig Fotos auf der Waage und in Unterwäsche in die Gruppe schicken, eine Sport-/Ernährungsapp führen und Screenshots der Tagesergebnisse in die Gruppe schicken. Denn die etwa 15 Gruppenteilnehmerinnen dürfen nicht mehr als 500 Kalorien am Tag zu sich nehmen. 300 Kalorien davon sollen sie täglich wieder durch Sport verbrennen. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird rausgeschmissen.

Tödlichste psychische Krankheit

Mit ihrer Essstörung ist Julia nicht alleine. Von 1000 Frauen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren haben 20 Frauen eine diagnostizierte Essstörung, heißt es bei der Kaufmännischen Krankenkasse. Die Dunkelziffer der Krankheitsfälle ist jedoch hoch, da Erkrankte die Essstörung oft vertuschen und lange geheim halten. Essstörungen können in verschieden Formen auftreten; Magersucht (Anorexia Nervosa), Bulimie (eine Ess-/Brechsucht), Binge-Eating (häufige extreme Essattacken) oder als Mischform. Sie gelten als die tödlichste psychische Krankheit, von der vor allem Frauen betroffen sind. 2018 sind laut dem Statistischen Bundesamt 78 Menschen an der Krankheit gestorben, ein Drittel mehr als 2017. Laut der Kaufmännischen Krankenkasse sind 88% der Betroffenen zwischen 18 und 29 Jahre alt.

Gründe für das Entwickeln einer Essstörung sind oft seelische Belastungen. Das können traumatische Erfahrungen sein, familiäre Probleme, Leistungsdruck oder Mobbing. Aber auch Soziale Netzwerke spielen eine steigende Rolle. Der Zusammenhang zwischen der Nutzung dieser und der Zufriedenheit mit dem eigenen Körper sei laut Medienpsychologin Doris Teutsch bei Jugendlichen größer als bei Erwachsenen, da diese gerade ihre Identität entwickeln und über geringe Selbstsicherheit verfügen würden. Auch die Kaufmännische Krankenkasse sagt, dass sich jeder sechste Jugendliche durch Medien und Influencer vermehrt gestresst fühlt.

Wenn die Waage den Tag bestimmt

Julia schreibt in dieser Zeit oft Tagebuch.

Mit 16 und 17 Jahren hat Julia am meisten Gewicht verloren. „Die Waage war mein alltäglicher Begleiter. Sie hat meinen Tag bestimmt. Wenn ich minimal mehr Gewicht hatte, als vorher war meine Laune im Keller“, sagt Julia. Sie schafft es in dieser Zeit nicht, von den WhatsApp Gruppen, die die Krankheit verherrlichten, fernzubleiben. Wenn sie einmal ausgetreten ist, dauert es nicht lange, bis sie die nächste Gruppe gefunden hat. „Sie gibt mir Zugehörigkeit. Da sind Leute, die mich genau verstehen; meine körperlichen Schmerzen, meine Probleme mit Eltern und Familie. Man bekam Anerkennung in der Community“, sagt Julia.

Ich hatte Kontrolle über mein Leben, konnte mich über meine Bedürfnisse hinwegsetzen und war stark. Andere Leute belächelte ich, weil sie schwächer waren als ich.

So hat sich Julia in dieser Krankheitszeit oft gefühlt. Dabei haben die Symptome ihren Alltag extrem beeinflusst. Weil sie nicht mehr in der Öffentlichkeit essen will, isoliert sie sich von ihren Freunden. Sozialer Rückzug sei wichtig, um die Krankheit geheim zu halten, so Julia. Durch die Unterversorgung habe sie den ganzen Tag gefroren, sie hat immer kalte Hände und Füße. Der Nährstoffmangel sorgt für Haarverlust und Kreislaufprobleme. Sie sei in dieser Zeit sehr oft umgekippt. „Die Schmerzen sind unerträglich. Du bist eine leere Hülle und spürst überall deine Knochen und das willst du auch.“ Es habe sie eher beunruhigt, wenn sie diese nicht gespürt hat, weil sie dachte, dass sie wieder zugenommen haben könnte. „Mir war der sehr schmale Grat bewusst: Manchmal wusste ich nicht mehr, ob ich am nächsten Tag noch aufwache“, sagt Julia.

Freunde oft einflussreicher als Promis

„Je mehr Zeit Nutzer auf sozialen Medien verbringen, desto häufiger vergleichen sie ihr Aussehen mit anderen, desto unzufriedener sind sie mit ihrem Körpergewicht und desto mehr folgen sie dem ideal, dünn zu sein“, sagt Teutsch. Frauen, die zehn Minuten lang durch ihren Facebook Feed browsen, seien danach unzufriedener mit ihrem Aussehen. Besonders beeinflussend seien dabei Bilder, von attraktiven Freund*innen, denen wir uns ähnlich fühlen, so die Medienpsychologin. Diese haben einen größeren Effekt auf Nutzer*innen als Bilder von Prominenten. Influencer bewegen sich dabei, laut Teutsch, im Graubereich. Sie stellen sich ihren Followern als Vertraute, als Freund*in da, zeigen aber einen – meist – idealisierten Alltag. „Unrealistischen und geschönten Influencer-Profilen zu folgen, kann Aufwärtsvergleiche mit negativer Bilanz für das eigene Körperbild hervorrufen, die wiederum zu gestörtem Essverhalten und Schlankheitswahn führen können“, sagt Teutsch.

„Meine beste Freundin Ana“

An diese „10 Gebote“ muss sich Julia halten.

„Ana war wie ein Schatten hinter mir. Sie war auf der einen Seite wie eine beste Freundin, weil sie mir Kontrolle gab  und die Illusion, wenn ich dünn bin, bin ich ein glücklicher und erfolgreicher Mensch“, sagt Julia. Der Admin der Gruppe habe die Rolle von Ana eingenommen. Schon morgens habe Julia Aufgaben von ihr geschickt bekommen oder die zehn Gebote; etwa „Dünn sein, ist wichtiger, als gesund zu sein“, „Nahrungsverweigerung ist ein Zeichen wahrer Stärke“, „Die Anzeige der Waage ist wichtiger als alles andere“. Julia wusste, dass die „Bestimmerin“ die Mittel genutzt hatte, um die Mitglieder „bei Laune zu halten“ und zum Abnehmen zu motivieren, wollte aber trotzdem mitmachen, um Teil der Gemeinschaft zu sein. Am schlimmsten seien die Briefe gewesen:

Mein vollständiger Name ist Anorexia Nervosa aber du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde.

Das steht in dem ersten Brief, den Julia bekommen hat. Die Briefe, die in Anas Namen geschrieben sind, manipulieren die Empfängerinnen dazu, ihren Körper strengstens unter die Lupe zu nehmen. Ana schreibt, dass die Mädchen „fett“ seien, definiert die Aussagen an genauen Körperstellen. Sie schreibt, die Mädchen würden sich besser fühlen, je dünner sie wären. Wenn sie rückfällig werden, sei sie enttäuscht und alle anderen auch. Sie seien stärker als diejenigen, die essen würden. Anas Briefe treiben Julia an ihre Grenzen. „Sie war Freundin und Feindin zugleich. Mit jedem verlorenen Kilo wurde ich noch leerer und habe weniger gefühlt. Dafür habe ich Ana auch ein bisschen gehasst. Aber du erschaffst dir einfach eine Parallelwelt. Alles, was du nicht spüren willst, kannst du durch die Krankheit ein bisschen betäuben.“

Gefährliche Challenges in Sozialen Netzwerken

Die Plattform bietet Hilfe an, wenn Nutzer nach bestimmten Hashtags suchen.

Regelmäßig wurden „Inspirationsbilder“ in die Gruppe geschickt. Diese zeigten besonders dünne Models oder andere Magersüchtige. Zu sehen war meistens ihr „Thigh Gap“ also eine Lücke zwischen den Oberschenkeln oder die „Bikini Bridge“, also das Hervorstehen der Hüftknochen. „Ich habe da schon sehr nach geeifert“, sagt Julia heute.

Vor allem auf Instagram kursieren ähnlich gefährliche Challenges unter Hashtags wie #thighgapchallenge, #bellybuttonchallenge #collarbonechallenge oder #bikinibridgechallenge, in denen es vor allem darum geht, seinen abgemagerten Körper mit anderen Körpern zu vergleichen. Die Plattform versucht, dagegen vorzugehen, in dem sie neue Posts unter dem Hashtag löscht. „Wir tolerieren keine Inhalte, die Essstörungen glorifizieren und wir nutzen moderne Funktionen und Technologien wie Meldungen in der App und maschinelles Lernen, um diese Inhalte zu identifizieren und sie zu entfernen. Inhalte, die Essstörungen glorifizieren oder fördern verstoßen gegen unsere Gemeinschaftsrichtlinien“, heißt es von Instagram. Wer nach Hashtags wie #ana (Anorexia) oder #mia (Bulimie) auf der Plattform sucht, wird als Nutzer von Instagram gefragt, ob man Hilfe braucht und gegebenenfalls zu Beratungsangeboten weitergeleitet. Trotzdem ist es möglich, triggernde Inhalte auf der Plattform zu finden, wie alte Beiträge zu den Körperchallenges.

Instagram geht auch anders

Als Julia ihr niedrigstes Gewicht erreicht hatte, sei ihr alles gleichgültig gewesen. Sie habe keine Motivation mehr gehabt, sich in den WhatsApp-Gruppen zu engagieren und ist freiwillig ausgetreten. „Ich habe mich mit der Frage auseinandergesetzt, wer bin ich ohne diese Krankheit? Möchte ich leben oder möchte ich sterben?“ Die Frage nach dem Tod sei ihr „Tick-Moment“ gewesen, der dafür sorgte, dass sie einen Neustart wollte. Sie hat probiert, auf das zu hören, was ihr Körper ihr sagt, was er braucht. Insgesamt hat Julia sechs Jahre gebraucht, um ihre Essstörung hinter sich zu lassen. Ihr Gewicht habe sich zwar schon nach einem Jahr wieder normalisiert, doch sie wurde immer wieder depressiv und hatte Rückfälle. „Aber heute habe ich keine Angst mehr vor dem Essen“, sagt sie. Die Essstörung habe ihr aber auch etwas Gutes gegeben; sie habe jetzt eine weitaus tiefere Verbindung zu ihrem Körper als vor der Essstörung.

Julia hat beschlossen, die sozialen Netzwerke gegensätzlich für das Thema zu nutzen. Auf ihrem Instagramaccount @Seelenmut zeigt sie Einblicke aus ihrer sechsjährigen Krankheitszeit, motiviert andere im Kampf gegen die Essstörung stark zu bleiben und postet inspirierende Sprüche. Sie zeigt sich vor ihren etwa tausend Followern selbstbewusst und körperpositiv.

Heute kann ich aus Zufriedenheit lächeln und nicht weil die Waage weniger anzeigt. ‚Ana‘ wird nie wieder meine Freundin sein.

Wie kann ich helfen?

Laura Modler hat ihren Master in Psychologie gemacht und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dortmund. Sie promoviert zurzeit am Lehrstuhl für Pädagogische und Differentielle Psychologie.

Wie erkenne ich, ob jemand in meinem Umfeld eine Essstörung hat, beispielsweise durch auffällige Verhaltensweisen? – Modler erklärt:
„Es gibt keine allgemeine Antwort auf diese Frage, weil man jede Person mit ihrer Störung individuell betrachten sollte. Jedoch gibt es einige Gemeinsamkeiten, die sich immer wieder zeigen. Das wäre zum Beispiel der soziale Rückzug oder das Tragen von sehr weiten Anziehsachen. Ein Beispiel wäre, dass jemand immer wieder Essensverabredungen absagt, oder auch generell Veranstaltungen, bei denen gegessen wird. Dadurch zieht sich die Person auch immer mehr aus dem sozialen Leben raus und verliert an Selbstwert und Rückhalt und gerät immer weiter in die Spirale einer Essstörung. Ein Anzeichen ist auch ein abnormales Essverhalten wie zum Beispiel das ganz bewusste und extrem lange Kauen von Lebensmitteln. Anderenfalls können auch körperliche Symptome wie sprödes Haar/ schlechte Zähne, unangenehmer Mundgeruch oder ständiges Frieren ein Anzeichen sein. Wenn eine Freundin über das Ausbleiben ihrer Periode spricht und dazu noch andere Auffälligkeiten zeigt, sollte man auf jeden Fall aufmerksam werden.“
Wie kann ich jemandem aus meinem Umfeld helfen, wenn er/sie betroffen ist? - Modler erklärt:
„Auch diese Frage muss man immer individuell auf den jeweiligen „Patienten“ und dessen Alter anpassen. Wichtig ist hierbei natürlich auch, in welcher Beziehung man zu der betroffenen Person steht. Ist die Person unter 18 Jahre alt und man trägt sowas wie eine Aufsichtspflicht, sollte man das Gespräch mit den Eltern und natürlich der Person selber suchen. Geht es um eine Freundin/ einen Freund, sollte man auf jeden Fall das Gespräch mit ihr/ihm suchen und zeigen, dass man für die jeweilige Person da ist.“
Wo finde ich Hilfe?
„Es gibt eine Reihe von sehr guten Beratungsstellen, bei denen man sich anonym und kostenfrei Hilfe suchen kann. Egal, ob als Betroffene*r selbst oder als Angehörige*r. Eine Internetseite, die ich hier sehr empfehlen kann, ist diese: https://www.bzga-essstoerungen.de/was-koennen-angehoerige-andere-tun/“, sagt Modler.

Wenn ihr jemanden kennt, der betroffen ist oder selbst mit Essstörungen zu kämpfen habt, dann findet ihr Hilfsangebote auch unter: https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/gesundheit/gesundheitsamt/erwachsene/esssoetrungen/index.html

Beitragsbild: iyunmai/ Unsplash
Bilder im Text: Bild 1-4 – Julia Steppat, Bild 5 – Mona Westholt

 
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